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Drahtzieher - Knobels siebter Fall

Drahtzieher - Knobels siebter Fall

Titel: Drahtzieher - Knobels siebter Fall
Autoren: Gmeiner-Verlag
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    Anne van Eyck kam ohne Termin. Sie bestand darauf, Rechtsanwalt Knobel sprechen zu wollen, kam der Nachfrage der Kanzleiangestellten zuvor und erklärte mit verbindlichem Ton, ihr Anliegen dem Juristen selbst vortragen zu wollen. Es war der erste Arbeitstag nach ungewöhnlich heißen Ostertagen Ende April. Die Hitze lastete bleiern in den wegen der noch andauernden Schulferien für einen Spätnachmittag ungewöhnlich leeren Straßen. Stephan Knobel saß im Mansardenbüro des noblen Kanzleigebäudes, das ansonsten von der Kanzlei Hübenthal und Löffke genutzt wurde, von der sich Knobel als Sozius getrennt hatte und seither mit ihr nur über eine Bürogemeinschaft verbunden war. Er ordnete die spärliche Post, die ihn an diesem Tag erreicht hatte und ungeachtet der wegen der vergangenen Feiertage und der Witterung fehlenden Betriebsamkeit signalisierte, dass seine kleine Kanzlei – zum Gespött seiner früheren Partner – nicht richtig in Fahrt kam. Stephan Knobel harrte an jedem Arbeitstag von morgens bis abends in seinem Büro aus und wartete wie eine Spinne im Netz, hoffend, dass seine disziplinierte Präsenz mit neuen Aufträgen belohnt wurde, die er von Mandanten abzuschöpfen hoffte, die der Kanzlei Hübenthal und Löffke den Rücken kehrten. Löffke betitelte seinen früheren Sozius deswegen herablassend als Aasfresser, und Stephan Knobel musste dem Rivalen innerlich recht geben: In der Tat lebte er zu einem guten Teil mehr schlecht als recht von dem, was die andere Kanzlei übrig ließ, und Stephan nahm manche unattraktiv erscheinenden Mandate an, deren Bearbeitung sich für die Sozietät Hübenthal und Löffke wirtschaftlich nicht lohnte.
    Doch Anne van Eyck gehörte nicht zu jenen Klienten, die mit weichen empfehlenden Worten innerhalb des Hauses an Knobel weitergereicht wurden. Sie wollte nur zu Stephan, wartete, bis er sie persönlich aus dem Empfangsbereich abholte, und füllte das von Neumandanten zu bearbeitende Formular mit ihren persönlichen Daten erst in Knobels Büro aus. Anschließend prüfte sie ihre handschriftlichen Eintragungen und reichte ihm das Blatt mit ihrer Visitenkarte, die sie ihrer Brieftasche entnahm. Stephan sah flüchtig auf ihre gepflegte manikürte Hand und nahm das dezente Parfüm wahr, als sie sich unsicher lächelnd vorbeugte und dann ruhig wartete, bis Stephan das Formular und die Visitenkarte studiert hatte. Anne van Eyck war Unternehmensberaterin und unterhielt ihr Büro unter ihrer Wohnadresse in Dorsten am nördlichen Rand des Ruhrgebietes. Stephan blickte auf.
    »Was darf ich für Sie tun?«, erkundigte er sich und vermied die Fragen, die seiner Verwunderung darüber Rechnung getragen hätten, dass sich eine Mandantin aus dem rund 50 Kilometer entfernten Dorsten in seine am östlichen Rand der Dortmunder Innenstadt gelegene Kanzlei verirrt zu haben schien.
    »Sie sind nicht der erste Anwalt, den ich in dieser Sache um Hilfe bitte«, eröffnete sie, ungeschickt aus Stephans Sicht, der unvermittelt ein Mandat witterte, dessen Übernahme aus anwaltlicher Sicht Probleme verhieß. Er antwortete nicht und sah der Besucherin abwartend ins Gesicht.
    Sie erwiderte seinen Blick lächelnd, glaubte seine Gedanken zu lesen und erklärte: »Ich brauche einen Anwalt, der den Mut hat, in eine Sache einzusteigen, die aus juristischer Sicht vielleicht kein Fall ist. Das mag auch so sein, aber ich werde dieses Ergebnis erst akzeptieren, wenn alle mysteriösen Umstände aufgeklärt und meine Zweifel ausgeräumt sind. So lange werde ich nicht ruhen – und genau so lange werde ich forschen, koste es mich noch so viel Geld, Zeit und Nerven.«
    Sie redete mit Bedacht, ihre Stimme war sanft, die Körperhaltung entspannt. Anne van Eyck lehnte sich zurück und betrachtete Stephan. Fast schien sie amüsiert, weil ihn ihre Entschlossenheit auf der einen und die Ruhe auf der anderen Seite sichtlich irritierten. Er ahnte, dass sie nicht aus Sturheit oder gar aus Querulanz einer Sache – wie sie es nannte – auf den Grund gehen wollte. Es steckte mehr dahinter, und ihre auf den ersten Blick unklug gewählten einleitenden Worte erwiesen sich kurze Zeit später als vernünftig und zutreffend gewählt: Anne van Eyck ging es nicht um ein bestimmtes Ergebnis um jeden Preis, aber sie wollte um jeden Preis Mühe und Engagement, um ein Resultat zu erzielen, dass sie als wahr und abschließend akzeptieren konnte.
    »Worum geht es?«, fragte er und legte sich ein Notizblatt zurecht.
    »Es geht um meine

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