Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Dr. Siri sieht Gespenster - Cotterill, C: Dr. Siri sieht Gespenster - Thirty-Three Teeth

Dr. Siri sieht Gespenster - Cotterill, C: Dr. Siri sieht Gespenster - Thirty-Three Teeth

Titel: Dr. Siri sieht Gespenster - Cotterill, C: Dr. Siri sieht Gespenster - Thirty-Three Teeth
Autoren: Colin Cotterill
Ads
abgerissen. Ich frage mich, was einen Menschen dazu treiben könnte.«
    »Da fiele mir schon das eine oder andere ein.«
    »Zum Beispiel?«
    »Ich habe weitaus grausamere und groteskere Dinge gesehen.«
    »Ach ja? Ich kann mir wenig Schlimmeres vorstellen, als sich den eigenen Kopf abzureißen.«
    »O doch. Stell dir vor, du schaust dir dein Bein an und siehst, dass eine Ratte deinen Fuß gefressen hat und sich jetzt über dein Schienbein hermacht. Würdest du nicht alles unternehmen, um die Ratte loszuwerden?«
    »Doch.«
    »Würdest du nicht mit einem Hammer auf sie einschlagen, wenn du einen hättest – oder sie mit dem Schwert in Stücke hauen?«
    »Doch.«
    »Man muss dir also nur vorgaukeln, dass eine Ratte an deinem Bein nagt. Einen Mann, der sich einbildet, ein Wertiger zu sein, davon zu überzeugen, dass sein Kopf nicht sein Kopf ist, dürfte folglich nicht allzu schwierig sein. Er würde ohne Weiteres glauben, dass sein Kopf ein Giftpilz ist oder ein Kugelfisch …«

    »Oder ein Hühnchen?«
    »Auch das. Er hat sich nicht den Kopf abgerissen. Er hat sich gegen die Illusion zur Wehr gesetzt, die ihm eingeimpft worden war.«
    »Von wem?«
    »Dafür kommen alle möglichen Geister in Frage. Sie sind immer in unserer Nähe und wachen über uns.«
    »Sind Sie einer von ihnen?«
    Der Mönch stand lächelnd auf.
    »Ah, nein. Ich bin nur ein alter Mönch.«
    »Dann haben Sie doch sicher nichts dagegen, wenn ich Ihnen die Hand schüttele, alter Mönch.«
    »Das geziemt sich nicht.«
    Er drehte sich um und ging auf die dunklen Schatten der Mondbäume zu. Siri rief ihm nach.
    »Im Tunnel war auch eine alte Frau mit einer Vorliebe für Betelnüsse.«
    »Die kenne ich«, rief der Mönch zurück, ohne sich umzudrehen.
    »Sie gehörte nicht zu meinen Kunden. Ich habe keine Ahnung, wer sie ist.«
    »Du kanntest sie, warst damals aber noch zu jung, um dich an sie zu erinnern. Niemandem liegt so viel an deinem Leben wie ihr.«
    »Wer ist sie?«
    Der Mönch war jetzt nur noch ein Schatten zwischen den Bäumen.
    »Auch Pathologen haben Mütter,Yeh Ming. Auch Pathologen haben Mütter.«
     
    Die schwarze Kragenbärin lag auf dem Rücken und streckte wie eine satte Katze alle viere von sich. Das
Wohlbehagen zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. Endlich meinte es jemand gut mit ihr, und das war ein himmlisches Gefühl.
    Sie bekam mehr zu fressen, als sie je würde verdrücken können. Ihr Fell hatte ein modisches neues Muster. Ihre Wunden waren verarztet worden, und Menschen – eine Spezies, die sie immer nur als feindselig kennengelernt hatte – brachten ihr Liebe und Zuneigung entgegen.
    Als der Lastwagen am Abend nach ihrer Rettung vor den Toren von Silver City gehalten hatte, war sie ausgebüxt. Sie hatten sie aus dem Zimmer in der russischen Klinik geholt, wo ihre Blessuren behandelt worden waren. Sie hatte schon geglaubt, man würde sie ins Schlachthaus bringen. Ihr Instinkt riet ihr, diese relative Freiheit auszunutzen und den Schamanen aufzusuchen. Er wohnte nicht allzu weit entfernt. Sie folgte ihrer Nase zu seinem Haus und legte sich auf dem Nachbargrundstück auf die Lauer.
    Yeh Ming lebte in einem alten Mann. Als der Wirt schlief, bat die Bärin den Schamanen um Hilfe. Er gab ihr Gelegenheit, sich mit ihren Ahnen zu beraten. Er meinte, sie brauche die Zukunft nicht zu fürchten. Sie habe schon so viel schlechtes Karma erleiden müssen, dass es eigentlich nur besser werden könne. Ihr nächstes Leben werde herrlich sein. Sie solle die Leute ausfindig machen, die sie aus dem Hotel befreit hatten.
    Sie dankte ihm und machte sich nach Silver City auf. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie es gefunden hatte. Sie war am Ende. Die Sinne versagten ihr den Dienst. Sie würde die heiße Jahreszeit nicht überstehen, doch in ihren letzten Monaten würde sie so glücklich sein wie nie zuvor.
    Sie lag auf dem Rücken in dem großen Käfig, ergriff mit
beiden Pfoten ein Büschel Babybananen, quetschte sie wie ein Akkordeonspieler und lutschte das köstliche Fruchtfleisch aus.

Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel
»Thirty Three Teeth«
bei Soho Press, New York
     
     
     
    Manhattan Bücher erscheinen im
Wilhelm Goldmann Verlag, München,
einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH
     
     
     
    1. Auflage
    Deutsche Erstveröffentlichung Mai 2009
    Copyright © der Originalausgabe 2005 by Colin Cotterill
    Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2009
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe

Weitere Kostenlose Bücher

Das Molekular-Café
Das Molekular-Café von diverse Autoren
Finnisches Roulette
Finnisches Roulette von Taavi Soininvaara