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Dr. Siri sieht Gespenster - Cotterill, C: Dr. Siri sieht Gespenster - Thirty-Three Teeth

Dr. Siri sieht Gespenster - Cotterill, C: Dr. Siri sieht Gespenster - Thirty-Three Teeth

Titel: Dr. Siri sieht Gespenster - Cotterill, C: Dr. Siri sieht Gespenster - Thirty-Three Teeth
Autoren: Colin Cotterill
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Die Puppen bekamen den größten Applaus des Abends.Von diesem grandiosen Auftritt würde man noch lange sprechen. Voller Stolz kehrten sie in ihre Teakholztruhe zurück.

    Zum krönenden Abschluss wurde ein mit schwarzem Tuch verhüllter Wagen vor die Ehrengäste gerollt. Ivanic sprang in seinen schenkelhohen Lederstiefeln und einem rosa Rüschenhemd, das bis zum Nabel offenstand, von der Bühne und machte seinem Ruf als Schmierenkomödiant alle Ehre. Er rief etwas Unverständliches ins Publikum und riss das Tuch mit großer Geste herunter.
    Der schimmernde schwarze Puma, der im grellen Scheinwerferlicht elegant und furchteinflößend wirkte, lief in dem kleinen Käfig auf und ab und knurrte die Menge wütend an. Beim Anblick des Tieres schnappten die Zuschauer erst nach Luft und klatschten dann stürmisch Beifall. Ivanic trat armfuchtelnd neben den Käfig und hypnotisierte das Publikum mit seiner tiefen Stimme. Der Puma fauchte ihn an. Er fauchte zurück, und die beiden beäugten einander durch die Gitterstäbe. Ivanic streckte die Hand aus und zog einen großen Metallstift aus dem Gestänge, worauf die gesamte Käfigfront herunterklappte.
    Das Publikum hielt gebannt den Atem an. Das Tier blickte zur Seite und ließ in gespannter Erwartung die Muskeln spielen. Zwischen ihm und der ersten Reihe von Ehrengästen war nun nichts weiter als warme Luft und der kalte Hauch der Angst. Die alten Männer waren wie versteinert. Einige standen auf und wollten die Flucht ergreifen. Die Leibwächter links und rechts traten einen Schritt vor und griffen nach ihren Pistolen.
    Der Puma erstarrte. Das Publikum erstarrte.
    »Fass«, rief Civilai.
    Doch bevor der Puma über sie herfallen konnte, sprang Ivanic todesmutig in die Bresche zwischen dem sabbernden Tier und den schwitzenden Ehrengästen. Er wandte dem Puma den Rücken zu und hob die rechte Hand. Hinter ihm
ertönte ein Knurren, und das Tier bockte und schien zum Sprung ansetzen zu wollen. Ein paar Frauen schrien, aber sie waren zu weit entfernt, um Ivanics seelenruhige Miene sehen zu können.
    Langsam und widerwillig hockte sich der Puma hin.
    »Mist«, stieß Civilai hervor.
    Ivanic hob die andere Hand, und der Puma stellte sich auf die Hinterbeine und ruderte mit den Pfoten. Die Zuschauer klatschten zögernd Beifall, aus Angst, ein allzu unvorsichtiges Geräusch könnte die Raubkatze reizen.
    Der Russe verschränkte ungerührt die Arme und senkte den Kopf. Der Puma legte sich hin, fletschte die Zähne und wälzte sich auf den Rücken, worauf Ivanic, die Ruhe selbst, zum Käfig schlenderte, in dem der Puma lag, und neben ihm in die Hocke ging. Publikumswirksam zitternd, streckte er die Hand aus und tätschelte den Bauch des Ungeheuers.
    Die Menge brach in lauten Jubel aus. Die Ehrengäste applaudierten höflich, aber verhalten. Der Käfig stand schließlich immer noch offen. Ivanic entdeckte Siri in der sechsten Reihe und nickte ihm verstohlen zu. Begeistert nickte Siri zurück. Darin waren sich alle einig: Es war die glänzendste Neujahrsvorstellung, die sie je gesehen hatten.

25
    EPILOG MAL ZWEI
    Als Siri den Hay-Sok-Tempel verließ, sah er seinen namenlosen Mönch am Ausgang sitzen. Er thronte gänzlich ungeniert auf dem Rücken eines Betonlöwen am Wegesrand, wo ihn alle echten Mönche sehen konnten.
    »Sie hätte ich hier nicht erwartet«, sagte Siri.
    »Und warum nicht,Yeh Ming?«
    »Weil mir der Abt versichert hat, dass Sie gar nicht existieren.«
    »Aber du siehst mich doch, Yeh Ming. Du hörst doch meine Stimme.«
    »Ich bin sicher, dass Sie existieren oder früher einmal existiert haben, aber nicht hier und heute, als Mönch in diesem Tempel. Ich habe dem Abt Ihre Tätowierungen beschrieben, und er schwört Stein und Bein, dass es einen Mönch wie Sie in diesem Tempel nie gegeben hat.«
    »Vielleicht hat meine Tätowierungen außer Ihnen niemand bemerkt.«
    »Vielleicht hat Sie außer mir niemand bemerkt.«
    »Gut möglich. Ich habe festgestellt, dass immer mehr Menschen das Offensichtliche nicht sehen. Und, hast du das Rätsel des Wertigers gelöst?«

    »Mehr oder weniger. Aber so recht zufrieden bin ich nicht. Wenigstens ist er tot.«
    »Dann verstehe ich nicht, was dir Sorgen macht.«
    »Ich weiß nicht, warum er gestorben ist.«
    »Anscheinend war seine Zeit gekommen.«
    »Ja. Daran besteht kein Zweifel. Aber wenn er sich tatsächlich selbst getötet hat, dann auf eine höchst grausame und groteske Art und Weise.«
    »Wie denn?«
    »Er hat sich den Kopf

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