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Dornenliebe

Titel: Dornenliebe
Autoren: Christine Feher
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danke.« Weiter kommt sie nicht, weil sie plötzlich spürt, wie ihr Hals enger wird, jetzt nur nicht weinen, sie versteht sich selbst nicht mehr. Eben noch hat sie Thores Foto angestarrt, ohne dass ihr die Tränen gekommen sind, sie hat genug von dem vielen Weinen. Lange hat niemand sie mehr so angesehen wie jetzt Falk. Wirklich sie angesehen, sie wahrgenommen, nicht nur an ihr vorbeigesehen, weil der eigene Schmerz zu übermächtig ist, um sich noch um sie zu kümmern. Seit Thore tot ist, existiert auch Luna nicht mehr.
    »Ich will dir nicht zu nahe treten«, fährt Falk behutsam fort und lässt seine Finger sanft bis zu ihrer Hand hintergleiten. »Aber manchmal ist es gerade gut, mit jemandem zu reden, den man noch nicht kennt. Ich kann dich jetzt auf keinen Fall gehen lassen und einfach so tun, als ob ich es hinnehmen würde, dass du gesagt hast, es sei alles in Ordnung. Nicht, wo ich genau sehe, dass es
nicht stimmt. Das könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.«
    Luna blickt auf den Boden. »Ich will dir nicht die Party verderben«, sagt sie schließlich. »Wirklich, ich komme schon zurecht. Vielen Dank.«
    »Die Party verderben …« Falk blickt, noch immer ihre Hand haltend, zum Fenster hin; im Schein der Straßenlaterne erkennt Luna, dass ein feiner Nieselregen eingesetzt hat. »Ich bin nicht so ein Partylöwe, weißt du. Das Getue da draußen ist mir eigentlich viel zu oberflächlich, wollte nur Johannes nicht enttäuschen. Im Grunde ist eine Party für mich nur dann gelungen, wenn ich mindestens ein tiefes Gespräch mit jemandem geführt habe. Luna.« Er nimmt jetzt auch ihre andere Hand, seine Augen tauchen in ihre, beinahe wird ihr schwindlig. »Schlag mir diese Bitte nicht aus, komm. Ich besorge uns was zu trinken und dann setzen wir uns hin, hören ein bisschen Musik und reden. Okay?«

2.
    L una geht mit in die Küche, Falk will keinen Rotwein aus dem Gemeinschaftszimmer holen.
    »Ich hab Sekt mitgebracht«, erklärt er kurz, »und in den Kühlschrank gestellt, aber den scheint hier keiner zu wollen. Ehe er in der WG bleibt und irgendwann umkippt, schnappen wir ihn uns.« Er zieht Luna an der Hand hinter sich her, vorbei an den anderen, der Junge mit dem auf links gezogenen Sweater sitzt immer noch auf dem selben Stuhl wie vorhin, blickt kurz auf, als sie eintreten, ach so, das ist Falks Freundin, denkt er vielleicht. Er fummelt an einer winzigen Digitalkamera herum und schenkt ihnen weiter keine Beachtung. Falk öffnet den Kühlschrank, schiebt Lebensmittel auf den Glasablagen hin und her, als wäre es seiner, nimmt den Sekt heraus. Er riecht gut, denkt Luna, die dicht hinter ihm stehen geblieben ist. Aus dem Küchenschrank holt er zwei Sektgläser, nickt dem Jungen mit der Kamera zu und lotst Luna ins Gemeinschaftszimmer.
    »Hier?«, fragt sie in die dröhnende Musik hinein, jetzt spielen sie Blues, im flackernden Schwarzlicht erkennt Luna Sarah, sie tanzt mit irgendjemandem eng, also will sie noch bleiben. Luna will auch nicht mehr fort, aber auch nicht mit Falk inmitten der anderen sitzen. Falk schüttelt den Kopf und schiebt sie sanft auf eine Tür zu, die Luna noch gar nicht gesehen hat, führt sie zu einem kleinen Zimmer, in dem nur ein Schreibtisch, ein Kleiderschrank
aus Kiefernholz und ein Bett stehen, eine ausgewaschene Jeans liegt auf dem kratzigen Teppich, an der Wand lehnt eine zwölfsaitige Gitarre, an der eine Saite gerissen ist. Vielleicht gehört das Zimmer dem Jungen, Luna hofft, dass es nicht so ist. Falk zerrt zwei Sitzsäcke aus einer unauffälligen Ecke, Luna staunt, wie selbstverständlich er sich hier bewegt. Vielleicht ist er oft hier. Er öffnet die Sektflasche so elegant, dass sie es kaum hört, schenkt ein, reicht ihr ein Glas und prostet ihr zu, stumm, er weiß, dass es keinen Spruch gibt, der jetzt passen würde.
    Wie von selbst beginnt Luna zu reden. Etwas in Falks Augen gibt ihr das Gefühl, aufzuweichen, aufzutauen. Auf dem Schreibtisch steht ein zerschrammter Plastikwecker, und Luna sieht den Zeiger voranrücken, immer weiter, inzwischen ist es nach Mitternacht, aber sie erzählt immer noch, erzählt von Thore, von der Zeit danach, von ihren Eltern, zittert an den Stellen, die am meisten wehtun. Falk hat ihre beiden Sitzsäcke dicht nebeneinander gestellt, streichelt Lunas Arm, wenn ihre Stimme bricht. Für ihn zählt nur sie, nur dieser Moment, diese Stunden. Manchmal nickt er, fragt nach, äußert seine Gedanken zu dem, was sie erzählt hat. Was er fragt,

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