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Dornenliebe

Titel: Dornenliebe
Autoren: Christine Feher
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1.
    D ie Tür fällt ins Schloss. Kurz darauf hört Luna, wie ihr Vater den Lieferwagen startet. Sie weiß, dass ihre Mutter vom Beifahrersitz aus schaut, ob sie noch einmal ans Fenster tritt, um ihnen nachzuwinken, aber sie kann nicht. Luna bleibt mitten im Zimmer stehen, die Reisetasche dicht neben ihren Füßen, und blickt sich um. Das hier ist es jetzt also, ihr neues Zuhause. Es ist noch weit davon entfernt, eines zu sein. Ich bin wie ein Alien, denkt sie; wie ein Wesen von einem anderen Planeten, das aus einem Ufo abgesprungen ist und nun hier herumsteht, mitten in Berlin, in einer unsanierten Ein-Zimmer-Altbauwohnung in einer Charlottenburger Seitenstraße, die nicht sehr anheimelnd wirkt, soweit ich das bisher sehen konnte. Ich kenne niemanden in dieser Stadt bis auf eine andere Studentin, die aber schon zwei Semester weiter ist, und auch die ist nicht wirklich eine Bekannte. Bisher haben wir nur E-Mails ausgetauscht. Hier bekomme ich den Anschluss erst übernächste Woche.
    Doch Luna wollte hierher, nicht nur zum Studieren. Seit Thores Tod glaubt nicht einmal mehr ihre Mutter daran, dass es gegen den Schmerz hilft, wenn man einfach an etwas Schönes denkt. Es gibt nichts Schönes mehr. Trotzdem. Thore hätte gewollt, dass sie weitermacht.
    Das Zimmer ist noch nicht warm genug, als dass Luna den Wunsch verspürt, ihre Jacke auszuziehen. Sie geht zum Fenster und prüft den Heizkörper darunter, ihr Vater
hat ihn vorhin noch aufgedreht, jetzt ist er auf einer Seite schon etwas warm, vielleicht hätten sie ihn erst entlüften sollen. Zu Hause ist ihr Vater immer in jedes Zimmer gegangen, um das bei allen Heizkörpern zu machen, bevor der Sommer ganz zu Ende war. Er hat gesagt, sie solle morgen beim Hausmeister klingeln und ihn darum bitten, hat sich selbst verflucht, weil er den Schlüssel dafür in Remscheid vergessen hat. Sich entschuldigt, auch er sei wegen Thore manchmal nicht ganz bei der Sache. Luna stellt sich vor, Thore würde ihr aus dem Himmel zusehen, wie ein Kind stellt sie sich das vor. Das schaffst du schon, Luni, würde er sagen.
    Das Semester beginnt Mitte Oktober, zehn Tage hat Luna noch Zeit, sich einzurichten, sich einzuleben. Heute genügt es, wenn sie ihr Bett fertig hat und das Geschirr findet. Die Möbel stehen schon an den richtigen Stellen, sie hat Hand in Hand mit ihrem Vater gearbeitet, er ist schnell ins Schwitzen gekommen, während sie selbst in ihrer Jacke noch fror. Nach ein paar Stunden war alles aufgebaut. Hochbetten sind für Berliner Altbauwohnungen perfekt geeignet, das Gebrauchte mit dem Arbeitstisch unter der Liegefläche spart Platz, den sie für ihr Bücherregal brauchen kann, ein Sessel passt vielleicht auch noch hinein oder ein kleines Sofa. In Berlin soll es tolle Flohmärkte geben.
    Luna fährt mit der Hand über das Fensterbrett. Ein kühler Luftzug streift ihre Fingerspitzen. Es ist windig heute, die Äste der Linde neben den Mülltonnen draußen biegen sich bei jeder Böe, für richtige Herbststürme ist es eigentlich noch zu früh. Später wird Luna ein zusammengerolltes Handtuch an die Stelle legen, sie hofft so sehr, dass das Zimmer warm wird, bis sie schlafen geht; wenn sie friert, spannt sich ihr ganzer Rücken an und tut weh. Sie spürt, dass sie Hunger hat, aber noch mehr Durst, und
geht in die Küche, findet den Wasserkocher und ein paar Becher in einer Umzugskiste, zwei Schachteln mit Teebeuteln hat ihre Mutter mit eingepackt, Pfefferminz- und Waldfruchtaroma. In der zweiten Kiste findet sie die Becher, nur zu essen hat sie nichts, sie hat ihren Eltern gesagt, sie würde noch zum Supermarkt gehen, ehe die Geschäfte schließen, dabei weiß sie nicht einmal, wo hier in der Nähe ein Supermarkt ist. Kneipen hat sie im Vorbeifahren gesehen, ein oder zwei kleine Klamottenläden, ein Autohaus. In einer der Kneipen könnte sie etwas essen, vielleicht gibt es dort Salat, Sandwichs oder wenigstens Erdnüsse in der Tüte, die sie gleich mit nach Hause nehmen kann. Sie stellt den Wasserkocher an und legt einen Beutel Pfefferminztee in ihren Lieblingsbecher, den mit dem eingebrannten Foto von Thore und ihr, als sie noch klein waren. Seltsamerweise erscheint ihr das Bild vom Kindergartenfotografen jetzt tröstlich, statt ihren Kummer zu verstärken. Im Flur steht noch ihre Umhängetasche aus grauem Stoff, sie geht hinüber und prüft ihr Handy, doch es ist weder eine Nachricht noch ein Anruf eingegangen. Dann zählt sie den Inhalt ihrer Geldbörse durch, etwas über 23

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