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Domfeuer

Domfeuer

Titel: Domfeuer
Autoren: Dennis Vlaminck
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natürlich nicht als seinen Sohn angenommen, er hatte es in all den Jahren noch nicht einmal zu einem Treffen kommen lassen. Aber wenn sich für Barthel mal wieder eine Tür öffnete, die Paulus und Matthias verschlossen blieb, war doch jedermann klar, wem der Schlüssel gehörte. Der alte Gir wollte sich nicht nachsagen lassen, dass er sich nicht um seine Nachkommen kümmere. Regelmäßig hatte die Amme, die die drei Jungen aufzog, von einem Boten eine kleine Summe erhalten, dank derer Barthel immer gute Kleidung und festes Schuhwerk tragen konnte. Später hatte Barthel es trotz seines jungen Alters bereits zum Müller auf der Summus gebracht, einer der sechsunddreißig schwimmenden Mühlen auf dem Rhein, deren Mahlwerke von Wasserrädern angetrieben wurden. Der brave Barthel hatte alles, was sich Paulus wünschte. Eine ehrliche Arbeit, ein hochschwangeres Weib und ein Dach über dem Kopf. Barthel war der vernünftigste der drei Brüder. Was keine große Leistung war, weil ihm all sein Glück in den Schoß gefallen war.
    Matthias, der Älteste, hasste Barthel genau dafür. Was Barthel an Glück erfuhr, erlebte Matthias in Form von Pech. Fand Barthel bei den Streifzügen der drei Jungen über den Heumarkt eine Münze, entdeckte er nur einen Schritt weiter eine zweite. Fand aber Matthias einen Denar, fand sich mit Sicherheit gleichzeitig auch jemand, der ihn des Diebstahls bezichtigte.
    Eines Tages war Matthias aus dem Haus ihrer Amme ausgerissen und nicht mehr heimgekehrt. Wochen später hatte Paulus ihn vor Sankt Maria Lyskirchen entdeckt. Er bettelte. Und er gab Paulus mit deutlichen Worten zu verstehen, dass er dieses Leben auf gar keinen Fall aufgeben wollte. Lieber wollte er ein Nichtsnutz und Herumtreiber sein, der sich sein Geld anständig erbettelte, als ein Nichtsnutz, dem der feine Herr Papa die Münzlein in den Allerwertesten steckte. Matthias hatte immer schon ein loses Mundwerk gehabt.
    Als jüngster Bruder hatte Paulus immer zu Matthias aufgesehen und war daher seinem Vorbild auf die Straße gefolgt. Zwei Jahre schlugen sie sich mehr schlecht als recht durch, zwei Jahre, in denen Paulus mit ansehen musste, wie die Zeit einen Graben zwischen sie beide und Barthel grub und ihn mit Abneigung gegen den Bruder füllte.
    Der ehrbare Barthel sah auf den Tunichtgut Matthias herab, und Matthias hielt Barthel Hochmut und Heuchelei vor. Diese Kluft war nicht zu beseitigen. Aber Paulus hatte sich nun, da er nicht mehr der Bettelei nachging, die Aufgabe gestellt, wenigstens eine Brücke zu bauen, damit die Familie bei seiner Hochzeit an einem Tisch sitzen konnte. Er wollte Matthias und Barthel an ihre Kindheit erinnern, als die drei Jungen noch wie Pech und Schwefel zusammenhingen, an jene Zeit, bevor sie begriffen, was es mit dem Geldboten auf sich hatte, an jene Zeit, als ihre Amme sie noch »meine drei Apostel« nannte.
    Ihre drei Apostel. Matthias, Bartholomäus und Paulus.
    Die Gelegenheit bot sich heute. Matthias wollte sich mit ihm im Hafen treffen, um den Tag des heiligen Vitalis zu feiern. Paulus hatte kurzerhand auch Barthel eingeladen, um mit seinen Brüdern in ein Wirtshaus zu gehen. Das Problem war nur, keiner der beiden wusste, dass der andere zum Treffen kommen würde. Und wenn Paulus nicht pünktlich am Salzgassentor, dem Treffpunkt, eintrudelte, begegneten sich die beiden Streithähne, und die Brücke war bereits eingestürzt, bevor er sie überhaupt erst hatte aufbauen können. Es mochte ein einfältiges Unterfangen sein, aber einen Versuch war es wert. Paulus ging noch schneller, er lief fast. Auch sein Herz beschleunigte den Takt, vielleicht der Anstrengung wegen, vielleicht aber auch wegen der Aufregung. Bis zum Tor waren es nur noch gut hundert Schritte.
    »Was riecht denn hier so streng?«
    Paulus hielt inne und atmete auf. Die kratzige Stimme gehörte Matthias. Paulus wandte sich lächelnd um und sah nach oben. »Eine Ameise«, sagte er. »Eine Ameise, die sich fast totgeschuftet hätte.«
    »Eine Ameise? Dem Geruch nach wohl eher ein Hering.«
    Matthias saß hoch oben auf einem Stapel Kisten. Ein tönerner Krug in seiner Rechten schien ihm den nötigen Halt zu verschaffen.
    »Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass du da oben noch riechen kannst, was ich eben geschleppt habe.«
    Als Antwort erhielt Paulus nur ein Grinsen. Matthias nahm einen kräftigen Zug und rutschte ein Stück beiseite. An den fahrigen Bewegungen erkannte Paulus, dass sein Bruder heute wohl nicht den ersten Krug in

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