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Domfeuer

Domfeuer

Titel: Domfeuer
Autoren: Dennis Vlaminck
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nächste kleine Tonne. Der Gesang gewann an Schönheit.
    »Vierhundertfünf.«
    Wieder ein Strich auf der Wachstafel. Paulus’ Arme fühlten sich längst schon an wie zwei schlaffe Weinschläuche, aber er griff beherzt ein weiteres Fass. Gleich war es geschafft, er weckte seine letzten Kräfte. Cyriakus hatte ihn erhört.
    »Vierhundertsechs.«
    Nur noch ein Fass, endlich! Seine Arme waren kurz davor, ihm den Gehorsam zu verweigern. Nur noch einmal zupacken, nur noch einmal stemmen.
    »Vierhundertsieben. Ladung gelöscht.«
    Das Zauberwort!
    Vierhundertsieben Fässer mit Heringen waren durch seine Hände gegangen. Rechnete er den Lastkahn vom Vormittag hinzu, bei dem er Plankendienst hatte und die Fässer nur zu rollen brauchte, waren es wohl an die tausend Fässer.
    Es hatte viel zu lange gedauert. Ein Blick durch die Ladeluke verriet Paulus, wie spät es schon war. Die Sonne warf bereits einen roten Kranz an den Himmel, der sich allmählich in ein dunkles Blau verfärbte. Am liebsten hätte er sich auf eine Taurolle gehockt und die tauben Glieder baumeln lassen, bis wieder Gefühl in sie zurückkehrte. Aber dafür blieb keine Zeit. Er schwang sich aus dem stinkenden Bauch des alten Lastkahns an Deck, hüpfte über die wippende Planke auf die Kaimauer und taumelte mehr, als dass er lief, zu Jobst, dem Zahlmeister.
    Doch bevor Paulus seinen Tageslohn fordern konnte, winkte Jobst schon ab. Hinter dem Brett, das er mit Hilfe zweier Kisten zur Schreibunterlage umgewidmet hatte, sah Jobst mit seinem langen grauen Bart beinahe aus wie der Weltenrichter, und fast so gebärdete er sich auch.
    »Paulus, Paulus, es ist jeden Tag dasselbe mit dir.« Jobsts Stimme klang wie ein Grollen am Gewitterhimmel. Er wedelte mit einem Federkiel. »Die anderen sind noch nicht fertig, und du willst dich schon wieder dünnemachen.«
    Wie zur Bestätigung sahen zwei andere Hafenknechte, die mühsam die letzten Fässer auf eine Karre hoben, zu ihm herüber.
    Paulus stöhnte. Er mochte den guten alten Jobst, aber er hasste diese Gespräche. »Nur weil die anderen noch nicht fertig sind, muss ich doch hier nicht meine Zeit vertrödeln. Meine Arbeit ist getan, und ich will mein Geld.«
    »Zu den anderen, die noch nicht fertig sind, gehöre verdammt noch mal auch ich. Du lässt mir noch nicht mal Zeit, meine Listen fertigzustellen. Wenn du weiter so quengelst, verzichte ich in Zukunft auf deine Dienste.«
    Paulus stöhnte wieder. Es war eine leere Drohung, Jobst wusste, was er an ihm hatte. Kaum ein anderer entlud einen Nieder- oder Oberländer so schnell wie er. Er sandte ein paar stumm flehende Worte zur heiligen Corona, die man anrief, wenn man Sorgen in Gelddingen hatte. »Jobst, wenn ich noch weiter betteln muss, ist der Vitalistag vorbei.«
    »Billige Ausrede. Ich kenne niemanden, der am Vitalistag feiert.«
    »Jobst, bitte, ich muss weg.«
    »Du quengelst …«
    »Ich  muss  weg.«
    »Du quengelst …«
    »Bitte!«
    Das Wasser gluckste gegen die muschelbedeckte Bordwand des Schiffes. Paulus kam es vor, als kicherte der Rhein über dieses Gespräch, das sich allabendlich wiederholte. Jobst ließ ihn jedes Mal zappeln. Aber nie lange, auch an diesem Tag nicht. Der Zahlmeister schüttelte den Kopf, zog einen Beutel hervor und kramte kurz darin herum. Zwei Münzen wechselten den Besitzer.
    »Jetzt geh schon«, brummelte Jobst. »Aber trink nicht zu viel Gruitbier, damit du vor Sonnenaufgang wieder hier und noch halbwegs bei klarem Verstand bist.«
    Mit einem Grinsen ließ Paulus die Silbermünzen in seinem Brustbeutel verschwinden. »Keine Sorge, Jobst«, sagte er. Schon verfiel er in einen schnellen Schritt. »Worauf es bei meiner und bei deiner Arbeit am wenigsten ankommt, ist der Verstand.«
    Auch wenn er ihn nicht sah, wusste Paulus doch genau, dass Jobst zwar schluckte, aber bereits an einer passenden Antwort bastelte. Bevor er außer Hörweite war, jagte der Zahlmeister sie ihm hinterher. Sie war begleitet vom Gelächter der anderen Schiffs- und Hafenknechte.
    »So wie du riechst, solltest du deinem Liebchen besser nicht unter die Nase kommen.«
    Na, vielen Dank auch, dass du mich drauf aufmerksam machst, dachte Paulus. Er schritt weit aus. Er roch nicht nur, er stank, und das wollte schon etwas heißen, im Kölner Hafen ausgerechnet durch Geruch unangenehm aufzufallen. Kein Wunder, nachdem er Hunderte schmutziger Fässer mit Pökelhering an seine schweißnasse Brust gedrückt hatte. Doch wie er roch, war nicht sein drängendstes

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