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Dolce Vita, süßer Tod: Kriminalroman (Inspektor Stucky) (German Edition)

Dolce Vita, süßer Tod: Kriminalroman (Inspektor Stucky) (German Edition)

Titel: Dolce Vita, süßer Tod: Kriminalroman (Inspektor Stucky) (German Edition)
Autoren: Fulvio Ervas
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1. D EZEMBER
    »Antimama …«, seufzte Inspektor Stucky und zwang sich, den Worten der jungen Verkäuferin mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Erst am Morgen zuvor hatten sie Martini zu Grabe getragen, und jetzt gab es schon wieder Ärger.
    Er ließ die Frau ihren leidvollen Weg zum Arbeitsplatz schildern, sie, die das Autofahren hasste, und von dem Rollgitter berichten, das sie jeden Tag hochschieben und herunterlassen musste; er ließ sie über den Vorfall klagen und darüber, dass sie sich mit ganzer Kraft den Aufgaben widmete, die sie zu erfüllen hatte. Er ließ sie von dem Geschäft für Geschenkartikel erzählen, von den blauen Plastikkrügen, den Kämmen für Labradorfelle, den Untersetzern aus Glas und den mit küssenden Fischchen bedruckten Post-its, denn die Ideen zu einem großen Teil dieses Krimskrams stammten von ihrem Verlobten, einem Art -Irgendwas, einem aufstrebenden Kreativen, der sie samstags zur Arbeit begleitete und sein Auto auf der Piazza della Vittoria – »wirklich auf der Piazza della Vittoria?«, versuchte Stucky, ihren Redefluss zu unterbrechen – abstellte, um dann einen Bummel durchs Zentrum zu machen, vielleicht auch, um ihr durch das Schaufenster bei der Arbeit zuzusehen. Und schließlich ließ er sich von ihr über den Wert der Objekte, dieser tausend kleinen Dinge von fragwürdigem Nutzen, die sie verkaufte, aufklären, denn das Überflüssige wirkt beruhigend und kann dem Käufer vor Augen führen, wie weit er auf dem Weg zwischen dem Wissen, nichts zu haben, und dem Glauben, viel zu besitzen, bereits vorangekommen ist.
    Inspektor Stucky betrachtete die gelbe Aktenmappe auf seinem Schreibtisch. »Verkäuferinnen« hätte er auf das blau umrandete Etikett schreiben sollen, aber irgendwie kam ihm das albern vor.
    »Haben Sie jetzt ein ruhigeres Gefühl, Signorina Leonardi?«
    Sie strich die Haarsträhne zurück, die ihr über die Augen gefallen war, und fixierte ihn einen Moment. Dann antwortete sie: »Nicht unbedingt.«
    Stucky versuchte herauszufinden, ob ihn die Gesichtszüge des Mädchens irgendwie an die von Kommissar Leonardi erinnerten. Nein, sie hatte keinerlei Ähnlichkeit mit ihrem Onkel. Nebenbei bemerkt, hatte es dem Kommissar überhaupt nicht gefallen, dass seine einzige Nichte so behandelt wurde, als wäre sie irgendwer.
    »Es ist gestern Abend auf dem Parkplatz vor Ihrem Haus passiert, nicht wahr?«
    »Ja, im Bezirk Sant’Artemio. Ich kam gerade von der Arbeit.«
    »Hat er etwas gesagt, der Angreifer?«
    »›Dumme Gans‹, hat er gesagt.«
    »Noch immer hinter Ihrem Rücken.«
    »Ja, das kam von hinten. Gesehen habe ich nichts, Signor Inspektor.«
    »Und wann haben Sie die Praline entdeckt?«
    »Ich habe nur gespürt, dass er mir blitzschnell die Hand in eine Tasche gesteckt hat. Als er weg war, habe ich dann die Praline herausgenommen …«
    Diese Schokopraline lag jetzt auf dem Schreibtisch, und Stucky konnte sich kaum vom Anblick dieses kleinen, in sternchenverziertes Stanniolpapier gewickelten Schokoladenhäufchens losreißen. Was konnte das bloß für ein Angreifer sein, der seinem Opfer eine Süßigkeit in die Manteltasche schob? Diese Sache hatte zweifellos ihre kuriosen Seiten. Vielleicht hatte Kommissar Leonardi eine Vorahnung und seine Verwandte zu ihm geschickt, bevor noch ein Unglück geschah.
    »Sind Sie schon einmal von jemandem belästigt worden?«
    »Was verstehen Sie unter ›belästigen‹?«
    Das Mädchen hatte dichte schwarze Wimpern und ausdrucksvolle blaue Augen, die den Betrachter anstrahlten. Stucky dachte an die Energie, die diesem Alter eigen war. Was für Feinde kann man haben, wenn man zwanzig ist? Und er überlegte, wie seltsam es war, die Nichte eines Kollegen in der Rolle des Opfers vor sich zu sehen, dasselbe Mädchen, das hin und wieder im Polizeipräsidium auftauchte und dem Martini – natürlich nur so, dass niemand es hörte – mehr als nur galante Komplimente zugeworfen hatte. Es war tatsächlich so, dass man manchmal auf der Seite des Mikroskops und ein andermal auf der der Mikroben war.
    »Schon gut«, sagte er, »denken Sie nicht mehr daran. Lassen Sie das unsere Sorge sein.«
    Es konnte sich um eine Dummheit handeln. Von der Sorte hatte er schon einiges erlebt. Schließlich und endlich wurde der größte Teil der Missetaten, unter denen die Leute zu leiden hatten, unter der Rubrik »Dummheit« eingeordnet und fand keinen Eingang in die Handbücher der Kriminologie.
    Stucky beruhigte den Kommissar: »Nichts passiert. Nur ein

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