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Die Zeitwanderer

Die Zeitwanderer

Titel: Die Zeitwanderer
Autoren: Stephen R. Lawhead
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ERSTES KAPITEL

    W enn Kit gewusst hätte, dass er noch vor Tagesende die verborgenen Dimensionen des Universums entdecken würde, dann wäre er vielleicht besser vorbereitet gewesen. Zumindest hätte er einen Regenschirm mitgenommen.
    Wie die meisten Bewohner Londons erduldete Kit wie ein Märtyrer die täglichen Mühen, sich durch eine Stadt zu navigieren, deren Komplexität und Verworrenheit legendär waren. Er wusste nur allzu gut, welche Gefahren selbst mit dem belanglosesten Ausflug einhergehen konnten. Sich in die Welt jenseits der eigenen Türschwelle hinauszuwagen war das moderne städtische Äquivalent zum alten Gerichtsverfahren des Gottesurteils - ein abenteuerliches Unterfangen, für das er sich wappnete, so gut er nur konnte.
    Schon vor langer Zeit hatte Kit »seinen« kleinen Fleck in dieser Großstadt, die sich so gewaltig ausgedehnt hatte, gründlich studiert. Er wusste, wo die für das Überleben notwendigsten Dinge zu finden waren und wie man zu ihnen gelangte. Er hatte eine kleine Bibliothek mit Straßenkarten, Busstrecken und Fahrplänen im Kopf parat. Den Streckenplan der für ihn relevanten Abschnitte der Londoner U-Bahn hatte er sich fest eingeprägt; zudem kannte er die schnellsten Wege zu seiner Arbeitsstelle und von dort zu seinen Lieblingskneipen, den Lebensmittelläden, dem Kino sowie dem Park, wo er joggte.
    Betrüblicherweise reichte dieses Wissen in der Mehrzahl der Fälle nicht aus.
    Der heutige Morgen war dafür ein perfektes Beispiel. Nur wenige Minuten zuvor hatte er die Türschwelle seiner Wohnung in Holloway überschritten, um einen Ausflug zu machen: Er wollte seine Freundin bei einem Shopping-Trip begleiten, was er ihr schon vor Langem versprochen hatte. Während er zur nächsten U-Bahn-Station marschierte, war er sich der Tatsache nicht bewusst, dass er sich bereits auf eine Reise ohne Wiederkehr begeben hatte. Vor der Eingangsschranke zückte er seine Oyster card. Mit dem elektronischen Ticket berührte er das Kartenlesegerät und stürmte dann die Treppe hinunter, weil er das ratternde Geräusch der einfahrenden U-Bahn hörte. Die piependen Türen begannen sich bereits zu schließen, als er in den Waggon sprang. Er zählte die ersten beiden der vier Haltestellen bis zu seinem Ziel ab. Gerade als er sich - an der dritten Station seiner U-Bahnfahrt - der Vorstellung hingab, dass alles nach Plan verlief, erhielt er die Information, dass die Strecke vor ihm wegen routinemäßiger Wartungsarbeiten geschlossen war.
    »Alle Passagiere bitte aussteigen!«, krächzte eine blecherne Stimme aus den Lautsprechern. »Dieser Zug endet hier.«
    Kit schloss sich der murrenden Menschenmenge an und gelangte wieder nach oben auf die Straße. Man hatte einen Sonderbus für die U-Bahn-Passagiere bereitgestellt, mit dem sie ihre Reise fortsetzen konnten. Um es ihnen jedoch nicht allzu leicht zu machen, wartete dieser Bus raffiniert versteckt auf der anderen Seite der U-Bahn-Station King's Cross. Erst als Kit einen Blick auf den wartenden Bus und die Schlange von Tottenham-Fans warf, die sich über die halbe Euston Road erstreckte, erinnerte er sich, dass heute Sonntag war und Tottenham Hotspur gegen Arsenal London spielte. Da er nicht bereit war, eine halbe Stunde zu warten, dachte er sich schnell einen Alternativplan aus, um zu Wilhelmina zu kommen: Er würde über die Straße flitzen und mit der Northern Line von King's Cross nach Moorgate fahren, dort die U-Bahn zur Liverpool Street nehmen, in die Central Line umsteigen und an der Haltestelle Bethnal Green aussteigen. Von dort wäre es nur eine kurze Busfahrt zur Grove Road. Dann ein strammer Marsch durch den Victoria Park - und schon bald würde er vor Wilhelminas Wohnung in der Rutland Road stehen. Das wird kinderleicht, dachte er, als er die Treppe zur U-Bahn-Station hinunterstieg.
    Erneut angelte Kit seine Oyster card aus der Tasche und wischte sie über das Lesegerät vor der Eingangsschranke. Doch anstatt eines grünen Pfeils leuchtete diesmal ein rotes Licht auf. Kit bemerkte, dass sich hinter ihm bereits ein Passagierstau gebildet hatte, der rasch größer wurde, und drückte seine Chipkarte ein weiteres Mal gegen den Sensor. Zur Belohnung leuchtete die gefürchtete elektronische Anzeige WENDEN SIE SICH AN DIE AUFSICHT auf. Wie schrecklich! Er seufzte innerlich und begann, sich durch die Menschenschlange zurückzuarbeiten. Dabei schlugen ihm der Hohn und die Beschimpfungen seiner murrenden Mitreisenden entgegen; die meisten von ihnen

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