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Die Zahlen Der Toten

Die Zahlen Der Toten

Titel: Die Zahlen Der Toten
Autoren: Linda Castillo
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Prolog
    Mit sechs hatte sie aufgehört, an Monster zu glauben, und ihre Mutter musste abends nicht mehr unterm Bett und im Schrank nachsehen. Jetzt, mit einundzwanzig, lag sie nackt, gefesselt und grausam gequält auf einem eiskalten Betonboden und wurde eines Besseren belehrt.
    Um sie herum war es stockdunkel. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie zitterte am ganzen Leib. Ihre Zähne klapperten. Bei jedem auch noch so kleinen Geräusch fürchtete sie die Rückkehr des Ungeheuers.
    Anfangs hatte sie noch gehofft, sie könnte fliehen oder ihren Entführer überreden, sie laufen zu lassen. Doch inzwischen hatte die Realität sie eingeholt. Sie wusste, dass das hier nicht gut enden konnte. Es würde keine Verhandlungen geben, keine Rettung durch die Polizei, keine Begnadigung in letzter Minute. Das Monster würde sie töten. Die Frage war nur noch, wann. Aber das Warten war fast so höllisch wie der Tod selbst.
    Sie wusste nicht, wo sie war oder wie lange das alles schon dauerte, hatte jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Allein den Gestank nach verrottetem Fleisch und das höhlenartige Echo noch des kleinsten Lautes nahm sie überdeutlich wahr.
    Sie war heiser vom Schreien, erschöpft vom Kämpfen und demoralisiert von den Qualen, die er ihr zugefügt hatte. Eigentlich wollte sie einfach nur noch schnell sterben, aber lieber Gott, wie sehr sie doch am Leben hing …
    »Mama«, flüsterte sie.
    Über den Tod hatte sie sich nie Gedanken gemacht. Sie war voller Träume gewesen, hatte der Zukunft hoffnungsvoll entgegengesehen und fest daran geglaubt, dass es morgen noch schöner sein würde als heute. Doch jetzt lag sie in der kalten Lache ihres eigenen Urins und akzeptierte, dass es kein Morgen mehr für sie gab. Keine Hoffnung und keine Zukunft. Nur das Grauen über ihren bevorstehenden Tod und dessen Unausweichlichkeit.
    Sie lag auf der Seite, die Knie bis zur Brust hochgezogen. Ihre Handgelenke waren auf dem Rücken mit Draht zusammengebunden, und anfangs war der Schmerz fast unerträglich gewesen, doch jetzt spürte sie ihn kaum mehr. Sie wollte nicht daran denken, was er ihr alles angetan hatte. Zuerst die Vergewaltigung, die ihr jedoch angesichts der späteren Ungeheuerlichkeiten, die sie noch hatte erleiden müssen, eher unbedeutend schien.
    Das Knistern von Elektrizität hallte ihr noch in den Ohren. Die Erinnerung an den Stromstoß, der ihren Körper durchfahren und ihr Gehirn durchgerüttelt hatte, war noch frisch. Auch den tierischen Klang ihrer eigenen Schreie konnte sie weiterhin hören. Das Rauschen des adrenalingetriebenen Blutes in ihren Adern. Das wilde Hämmern ihres Herzens. Und dann hatte sie wieder das Messer vor Augen.
    Er war mit der Konzentration eines makabren Künstlers ans Werk gegangen und ihr dabei so nahe gewesen, dass sie seinen Atem auf der Haut gespürt hatte. Wenn sie schrie, hatte er ihr einen Stromstoß verpasst, und wenn sie mit den Füßen trat, auch. Am Ende hatte sie einfach nur dagelegen und die Marter schweigend ertragen. Für ein paar Minuten waren ihre Gedanken zu dem Strand in Florida gedriftet, wo sie vor zwei Jahren mit ihren Eltern gewesen war. Weißer Sand unter ihren Füßen, eine Brise so feucht und warm, dass sie den Atem Gottes auf ihrer Seele zu spüren glaubte.
    »Hilf mir, Mama …«
    Stiefelschritte auf Beton rissen sie aus ihrem Tagtraum. Sie hob den Kopf und blickte wild um sich, konnte aber durch die Augenbinde nichts erkennen. Sie atmete stoßweise, wie ein wildes Tier, das man jagte, um es zu schlachten. Sie hasste ihn. Ihn und was er ihr angetan hatte. Wenn sie doch nur ihre Fesseln lösen und wegrennen könnte …
    »Lass mich in Ruhe, du Scheißkerl!«, schrie sie.
»Lass mich in Ruhe!«
    Doch sie wusste, das würde er nicht tun.
    Eine behandschuhte Hand strich über ihre Hüfte. Sie wand sich und trat mit beiden Füßen in seine Richtung. Ein flüchtiges Gefühl von Befriedigung, als ihr Peiniger aufstöhnte. Dann das Aufblitzen von Licht. Schmerz durchzuckte ihren Körper, wie nach einem Peitschenhieb. Einen Moment lang war die Welt um sie herum lautlos und grau. Vage spürte sie Hände an ihren Füßen. Hörte in der Ferne Eisen über Beton kratzen. Die Kälte, die sie jetzt durchdrang, ließ ihren ganzen Körper hemmungslos zittern.
    Als ihr kurz darauf bewusst wurde, dass das Monster ihr eine Eisenkette um die Fußgelenke gewickelt hatte, erfasste sie purer Horror. Er zog die Kette fest, und die kalten Glieder gruben sich in ihre Haut. Sie

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