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Die Zaehmung

Titel: Die Zaehmung
Autoren: Jude Deveraux
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Kapitel eins
    England
    1445
    »Deine Tochter oder ich, eine von uns beiden muß gehen«, sagte Helen Neville streng, die Hände in die Seiten gestemmt, während sie auf ihren Mann, Gilbert, hinuntersah. Er lag auf der gepolsterten Erkerbank hingestreckt und kraulte seinem Lieblingshund die Ohren, während das Sonnenlicht über ihm durch das alte steinerne Fenster mit den zurückgeschlagenen blaugestrichenen, hölzernen Fensterläden flutete.
    Wie gewöhnlich ging Gilbert mit keinem Wort auf ihre Forderung ein, und sie ballte wütend die Hände zu Fäusten. Er war zwölf Jahre älter als sie und über alle Maßen faul. Obwohl er die meiste Zeit damit verbrachte, hinter einem Jagdfalken herzureiten, nahm sein Bauch von Tag zu Tag an Umfang und Schwere zu. Sie hatte ihn natürlich seines Geldes wegen geheiratet, seiner goldenen Schüsseln und seines Landes wegen, das viele tausend Hektar umfaßte. Und seiner acht Schlösser (von denen er zwei noch nie gesehen hatte), seiner Pferde, der stattlichen Armee seiner Bediensteten und der schönen Kleider wegen, die er ihr und ihren zwei Kindern geben konnte. Sie hatte eine Liste von Gilbert Nevilles Besitz gelesen und ja zu seinem Heiratsantrag gesagt, ohne erst darum zu bitten, den Mann persönlich kennenzulernen.
    Doch nun, ein Jahr nach der Hochzeit, dachte Helen oft, ob sie sich nicht gefragt hätte, wer denn seinen Besitz verwaltete, wenn sie Gilbert und sein träges Wesen vorher besser gekannt- hätte. Hatte er etwa einen überaus tüchtigen Majordomus? Sie wußte, daß er nur ein Kind aus erster Ehe besaß — ein blasses, schüchtern aussehendes Mädchen, das nicht ein Wort mit Helen vor deren Hochzeit mit ihrem Vater gewechselt hatte. Aber vielleicht hatte Gilbert einen außerehelichen Sohn, der seine Güter verwaltete.
    Doch nachdem Helen mit Gilbert verheiratet war und entdeckte, daß ihr Mann im Bett genauso faul war wie außerhalb des Bettes, kam sie schließlich auch dahinter, wer sich um den Besitz ihres Mannes kümmerte.
    Liana! Helen wünschte, sie hätte diesen Namen nie gehört. Diese süß aussehende, so schüchtern wirkende Tochter ihres Mannes Gilbert war ein verkappter Teufel. Liana hatte wie ihre Mutter zuvor das Sagen. Liana saß am Tisch des Haushofmeisters, wenn die Bauern kamen, um den Zehnten zu bezahlen. Liana ritt über Gilberts Land, besichtigte die Felder und ließ beschädigte Dächer der Zinspflichtigen flicken. Liana entschied, wann ein Schloß zu schmutzig geworden, der Boden erschöpft war und es Zeit wurde für den Haushalt, umzuziehen. Dreimal im vergangenen Jahr hatte Helen erst von ihrem Umzug erfahren, als sie ein Dienstmädchen ihr Bettzeug zusammenpacken sah.
    Es hatte wenig gefruchtet, Gilbert oder Liana zu erklären, daß sie, Helen, nun die Herrin im Hause sei und Liana ihre Vollmachten an ihre Stiefmutter abtreten sollte. Sie hatten beide Helen nur neugierig angesehen, als hätte die dämonische Fratze eines Wasserspeiers zu reden angefangen, und dann hatte sich Liana wieder mit dem Kommandieren und Gilbert mit dem Nichtstun beschäftigt.
    Helen hatte versucht, ohne vorherige Absprache die Herrschaft zu übernehmen, und eine Weile lang glaubte sie, es sei ihr auch tatsächlich gelungen — bis sie herausfand, daß jeder Dienstbote erst Liana um eine Bestätigung von Helens Befehl bat, ehe er diesen ausführte.
    Anfangs waren Helens Beschwerden bei Gilbert noch in milder Form vorgetragen worden und zumeist dann, wenn sie ihn im Bett erfreut hatte.
    Doch Gilbert hatte sie mit den Worten abgetan: »Laß Liana doch machen, was sie will. Du kannst sie nicht bremsen. Ebensogut könntest du versuchen, eine Steinlawine aufzuhalten. Das war schon bei ihrer Mutter so. Am besten ging man ihr und geht man Liana aus dem Weg.« Damit hatte er sich auf die andere Seite gedreht und weitergeschlafen; aber Helen hatte die ganze Nacht wachgelegen, und ihr Körper war heiß gewesen vor Zorn.
    Am nächsten Morgen war sie entschlossen, selbst zu einer Steinlawine zu werden. Sie war älter als Liana und notfalls auch gerissener. Nachdem ihr erster Ehemann gestorben war und sein jüngerer Bruder den Besitz geerbt hatte, wurden ihre beiden kleinen Töchter und sie von ihrer Schwägerin beiseitegedrängt. Helen hatte zusehen müssen, wie alle Aufgaben, die sie früher wahrgenommen hatte, eine jüngere und weitaus weniger tüchtige Frau übernahm. Als Gilbert Nevilles Heiratsantrag kam, hatte sie darin die Chance gesehen, wieder ihren eigenen Haushalt zu

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