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Die Werwolfbraut (German Edition)

Die Werwolfbraut (German Edition)

Titel: Die Werwolfbraut (German Edition)
Autoren: Earl Warren
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    1. Kapitel
     
    »Kalabrien ist eine der ärmsten Gegenden von Italien«, sagte Francescas Vater. »Wir Montalbas haben eine ruhmreiche, lange zurückreichende Geschichte. Doch dafür gibt uns heute niemand mehr etwas. Wir sind bitterarm. Deine Mutter wird sterben, Francesca, wenn ich ihr nicht die Medizin kaufe, die sie dringend braucht. Es gibt nur einen Weg, und das Geld dafür zu erhalten. Um das Leben deiner Mutter und unseren Besitz zu retten: Du musst Ricardo di Lampedusa heiraten.«
    Der schönen jungen Frau mit den langen, kastanienbraunen Haaren krampfte sich das Herz zusammen. Ihre zierlichen Finger verkrampften sich um das Kreuz, das sie an der Kette um den Hals trug.
    »Aber ich liebe einen anderen«, stöhnte sie. »Mario Sciaso, den Lehrer, ihm gehört mein Herz.«
    »Was war zwischen euch?« Michele Montalba richtete sich auf. Hitzig fragte er: »Hast du dich ihm hingegeben? Bist du vielleicht schon schwanger von ihm, Schlampe?«
    »Vater!« Francescas Stimme war wie ein Aufschrei. »Nein, wir haben uns nur geküsst und sind Hand in Hand spazieren gegangen. Wir haben von unserer Liebe und einer gemeinsamen Zukunft gesprochen, dort im Olivenhain.«
    »Pah!« Der magere Mann mit dem sorgenzerfurchten Gesicht, den langen grauen Bartstoppeln und dem verwaschenen Hemd setzte sich in der Laube bei dem baufälligen kleinen Haus kerzengerade hin. »Was nutzt schon die Liebe? Mario Sciasos Gehalt reicht kaum für ihn allein. Wollt ihr eure gemeinsame Zukunft auf dem Tod deiner Mutter begründen? Willst du deine Familie an den Bettelstab bringen? Wir werden alles verlieren, wenn du Marchese Ricardo dein Jawort nicht gibst. Alles.«
    Francesca senkte den Blick.
    Plötzlich rief sie: »Aber er ist ein Werwolf. Die alten Frauen erzählen es hinter der vorgehaltenen Hand. Er geht nie in die Kirche, und er mag kein Silber anfassen, heißt es. – Ein Werwolf, bedenke, er wird mich zerreißen, wenn ihn bei Vollmond der lykanthropische Drang überfällt.«
    In ihren großen dunklen Augen flackerte Todesangst.
    Ihr Vater erwiderte: »Dummes Geschwätz. Wer hat dir das gesagt? Die alte Antonia natürlich, dieses Luder. Sie hat seine erste Frau gut gekannt, Sophia di Lampedusa. Sie wurde tatsächlich von Wölfen zerrissen, die aus den rauen kalabrischen Bergen kamen, als sie nachts unterwegs war. Eine tragische Geschichte. Doch den edlen Marchese deswegen einen Werwolf zu schimpfen, ist unerhört. Jeder weiß, wie sehr er unter dem tragischen Tod seiner über alles geliebten Frau litt. Über ein Jahr lang hat er keine andere angeschaut und wurde kaum außerhalb des Kastells gesehen. Den armen Mann deswegen jetzt auch noch zu verleumden, ist ungeheuerlich. Die alte Antonia wird dieses Haus nicht wieder betreten.«
    »Aber sie kennt sich mit Kräutern aus. Sie ist die einzige, die unsere Mutter unentgeltlich behandelt und die zu jeder Zeit für sie da ist.«
    »Nein.«
    Michele Montalba war so hart wie der steinige, karge Boden, dem er seinen Lebensunterhalt abrang. Tag für Tag, viele Jahre lang, hatte er sich abgerackert. Drei Kinder hatte er großgezogen, zusammen mit seiner Frau, drei weitere auf den Dorffriedhof in die Erde gebettet, weil sie ganz klein schon gestorben waren. Sentimentalität oder schwache Stellen konnte Montalba sich nicht erlauben.
    »Ich habe das nicht nur von Antonia Turi gehört«, sagte Francesca. »Es ist ein offenes Geheimnis im Dorf. Ich war seltsam berührt, als der Marchese mir begegnete, als ich vom Weinberg zurückkehrte. Am ersten Tag hat er nur im Schatten der alten Eiche auf seinem Pferd gesessen und mich stumm angeschaut. Am nächsten Tag war er wieder da. Am dritten sprach er mich an...«
    »Seitdem wirbt er um dich«, sagte Michele Montalba hochzufrieden. »Kein Wunder, du bist die Schönste im Dorf, ja, in der ganzen Gegend. Klug noch dazu. Du könntest es weit bringen, wenn wir das Geld hätten, dich die Schule beenden zu lassen und auf die Universität zu schicken.«
    Ja, dachte Francesca. Ich versauere hier, weil wir arm sind. Ein Stipendium vom Staat war ihr angeboten worden, weil sie weit überdurchschnittlich begabt war. Doch ihr Vater ließ sie nicht weg. Sie musste ihrer Familie helfen. Die schöne, hochintelligente Neunzehnjährige rackerte und plagte sich im Weinberg ihrer Familie und auf den Feldern ab. Außerdem gab sie ein paar Kindern aus dem Dorf und der nahen Kleinstadt Klavierunterricht. Sie war nämlich sehr musikalisch.
    Das Klavier war der Grund gewesen,

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