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Die Welt aus den Fugen

Die Welt aus den Fugen

Titel: Die Welt aus den Fugen
Autoren: Peter Scholl-Latour
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hinter den verschwiegenen Mauern von Zhongnanhai.
    Auf welche Weise die personelle Wachablösung im höchsten Gremium der Kommunistischen Partei Chinas erfolgt, läßt sich nur erraten. Zur Stunde geht man davon aus, daß der bislang amtierende Staatspräsident und Generalsekretär Hu Jintao sowie der Regierungschef Wen Jiabao nach schwierigen Beratungen ausgewechselt werden. Innerhalb des Machtmonopols, das die K. P. Chinas ausübt, dürften die Fraktionskämpfe wohl mit ähnlicher Verbissenheit, mit noch gnadenloseren Intrigen ausgetragen werden, als es im pluralen Parteiensystem der westlichen Demokratien der Fall ist. Die höchste Funktion – auch die entscheidende Autorität über die Militärkommission – soll dem eminenten Mitglied des Politbüros Xi Jinping zufallen. Seit dem Tod Mao Zedongs hat der Wechsel in den obersten Führungsgremien im Abstand von vier Jahren ziemlich regelmäßig stattgefunden, was nach dem Ausscheiden des genialen Reformers Deng Xiaoping immerhin eine gewisse Ausbalancierung der Tendenzen zu signalisieren scheint. Jedenfalls wäre hier der Vergleich mit der weltweit verbreiteten Alleinherrschaft von Militärdiktatoren und Despoten, die sich zwanzig, dreißig, sogar vierzig Jahre lang an ihre Willkürherrschaft klammern, völlig unangebracht.
    Wer durchschaut schon die Rangordnung an der Spitze eines kolossalen Staatsgebildes von 1,4 Milliarden Menschen? Die Probleme der Volksrepublik lassen sich mit denen keines anderen Landes vergleichen, mit Ausnahme vielleicht des im Westen überbewerteten Indiens, das im Rufe steht, die »größte Demokratie der Welt« zu sein. Die Unions-Regierung von Neu-Delhi kann zweifellos auf eine beachtenswerte Zunahme des Bruttosozialproduktes verweisen. Gestützt auf die hohe Intelligenz der technischen Eliten sind dort Ballungszentren modernster elektronischer Industrie und eine futuristisch anmutende Computertechnologie entstanden. Der Mittelstand hat sich beachtlich ausgeweitet. Aber die wirklichen Nutznießer dieser Bereicherung sind immer noch die traditionellen Finanz- und Industriedynastien, während die Masse der »Unberührbaren«, der Dalit oder der untersten Kasten in grausamem Elend und gesellschaftlicher Ächtung verharrt. Unterdessen bleibt die Infrastruktur dieses riesigen Subkontinents weitgehend auf die inzwischen verrottete Konstruktion von Stromleitungen, Straßen und Eisenbahnen angewiesen, die das britische Empire zur Zeit seiner Glorie hinterlassen hat.
    Der maoistische Leitspruch »Dem Volke dienen«, der einzige chinesische Satz, den ich zu lesen vermag, ist zwar immer noch an den Eingang aller Kasernen gepinselt. Aber diese von der proletarischen Revolution inspirierte Parole ist inzwischen einer sehr eigennützigen Realität gewichen. So scheinen die sogenannten »Prinzlinge«, die »Taizi«, Söhne und Enkel der Helden der Volksbefreiungsarmee und Gefährten des legendären »Langen Marsches«, eine unbestreitbare Bevorzugung zu genießen. Doch diese Präferenz schließt den kometenhaften Aufstieg vom einfachen Arbeitersohn zum Mitglied des Politbüros nicht aus, wie sich am Beispiel Wang Yangs erweist, dem verantwortlichen Parteisekretär in der Südprovinz Guangdong, die man früher Kanton nannte. Das dortige Bruttoinlandsprodukt hat dieser Emporkömmling auf das Niveau Neuseelands angehoben. Die Meritokratie, die einst das konfuzianische Auslesesystem der Mandarinats-Prüfungen kennzeichnete und von den europäischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts hoch geschätzt wurde, ist offenbar in der postkommunistischen Hierarchie nicht erloschen.
    Eine besondere Rolle beim Aufstieg zu prominenten Positionen spielen regionale Seilschaften, die sich ja auch im Regie­rungssystem westlicher Demokratien wiederfinden. Die Provinzen Szetschuan, Kanton und Jiangsu haben solche Cliquen hervorgebracht, so wie der bisherige Generalsekretär Hu Jintao sich auf seine Gefolgschaft in der Provinz An Huei stützte. Um nicht einer schwärmerischen Voreingenommenheit bezichtigt zu werden, greife ich auf die Mahnung des amerikanischen Zeitzeugen Charles A. Kupchan von der Georgetown-Universität zurück: »Seit den Gründerzeiten haben die amerikanischen Eliten und das amerikanische Volk an die Universalität ihres Modells geglaubt. Das Ende des Kalten Krieges hatte diese

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