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Die Weiße Rose

Die Weiße Rose

Titel: Die Weiße Rose
Autoren: Inge Scholl
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Vorbemerkung
    Es sind jetzt fünfzig Jahre her, seit die Geschwister Scholl und ihre Gefährten wie auch andere in manchen Teilen Deutschlands und Österreichs ihre frühen, hellsichtigen Gedanken über den Beginn von Schrecken und Terror, seine für viele noch kaum merkbaren Anzeichen bis zum Höhepunkt der Gewalt in eine Tat umsetzten, die Geschichte geworden ist und bleiben wird.
    Aber dem Wort GESCHICHTE hängt Vergangenheit an, und das ist gefährlich, läßt glauben, daß, was sich ereignet hat, vorbei ist und nicht mehr wiederkehrt. Es ist um so gefährlicher, als sich seit fünfzig Jahren die Bedingungen, unter denen wir leben, für viele extrem geändert haben. Die Lebensformen des Wohlstands, die vielen von uns immer selbstverständlicher werden, lassen dem Anschein nach nicht Tod, Folter und Terror – auch wenn er sich in nächster Nähe von uns abspielt – ahnen, lehren nicht glauben, was wir wissen.
    Sich Konsum und Genuß unbedenklich auszusetzen, läßt das Herz erkalten, führt auf eine vielleicht noch gefährlichere Weise zu Hektik und Aggression und läßt wenige Möglichkeiten zur Betrachtung der Welt übrig, die betrachtet werden muß, aufmerksam, unablässig und konsequent. Während der Jagd nach der Effizienz des Materiellen nehmen Anonymität und Identitätsverlust zu. Der Wunsch, keinen Wunsch offen zu lassen, das Kostbarste also zu verlieren, beginnt in Gesichtern deutlich zu werden. Mitten auf den hellen Straßen, zwischen überfüllten Schaufenstern das Erwerbbare mit dem Unerwerbbaren und eigentlich Teuren zu verwechseln, macht die Welt leer.
    Weil das äußere Bild aber ganz anders geworden ist als das Bild vor fünfzig Jahren, verharmlost (Inge Scholl spricht deutlich von der Gefahr der Verharmlosung) und dem Schein nach erfreulich, erheiternd, verschwindet die Heiterkeit aus den Herzen, die eigentliche Heiterkeit, die den teuren Tod einschließt. Ein beliebiger Tod und ein beliebiges Leben werden eingehandelt. Wir müssen auf der Hut sein.
    Wien, Sommer 1992
Ilse Aichinger

Die weisse Rose
    In den frühlinghaften Februartagen nach der Schlacht bei Stalingrad fuhr ich in einem Vorortzug von München nach Solln. Neben mir saßen zwei Parteigenossen im Abteil, die sich flüsternd über die jüngsten Ereignisse in München unterhielten. »Freiheit« war in großen Buchstaben an die Universität geschrieben worden, »Nieder mit Hitler« auf die Straßen, Flugblätter waren gefallen, die zum Widerstand aufriefen, die Stadt war wie von einem Stoß erschüttert. Zwar stand alles noch wie zuvor, das Leben ging weiter wie je, aber im geheimen war etwas verändert. Das merkte ich an dem Gespräch der beiden Männer, die sich hier im Abteil gegenübersaßen und ihre Köpfe zusammensteckten. Sie sprachen vom Ende des Krieges und was sie tun würden, wenn es plötzlich vor ihnen stünde. »Es wird nichts übrigbleiben, als sich zu erschießen«, meinte der eine und blickte rasch zu mir herüber, ob ich vielleicht etwas verstanden hätte.
    Wie mögen diese beiden Männer aufgeatmet haben, als wenige Tage später überall brennend rote Plakate zur Beruhigung der Bevölkerung angeschlagen waren, auf denen zu lesen stand:
    Wegen Hochverrats wurden zum Tode verurteilt:
     
    Der 24 jährige Christoph Probst
    der 25 jährige Hans Scholl
    die 22 jährige Sophia Scholl.
    Das Urteil wurde bereits vollstreckt.
    Die Presse schrieb von verantwortungslosen Einzelgängern, die sich durch ihr Tun automatisch aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen hätten. Von Mund zu Mund erzählte man sich, daß an die hundert Personen verhaftet worden waren, und daß noch weitere Todesurteile zu erwarten seien. Der Präsident des Volksgerichtshofes war im Flugzeug eigens von Berlin gekommen, um kurzen Prozeß zu machen.
    In einem zweiten, späteren Verfahren wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet:
    Willi Graf
    Professor Kurt Huber
    Alexander Schmorell.
    Was hatten diese Menschen getan? Worin bestand ihr Verbrechen?
    Während die einen über sie spotteten und sie in den Schmutz zogen, sprachen die anderen von Helden der Freiheit.
    Aber kann man sie Helden nennen? Sie haben nichts Übermenschliches unternommen. Sie haben etwas Einfaches verteidigt, sind für etwas Einfaches eingestanden, für das Recht und die Freiheit des einzelnen Menschen, für seine freie Entfaltung und ein freies Leben. Sie haben sich keiner außergewöhnlichen Idee geopfert, haben keine großen Ziele verfolgt; was sie wollten, war, daß Menschen

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