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Die Vagabundin

Die Vagabundin

Titel: Die Vagabundin
Autoren: Astrid Fritz
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Teil 1
Die Flucht
    Frühjahr 1561 – Frühjahr 1563
    1
    Wenn Eva an ihre Kindheit zurückdachte, hatte sie vor allem zwei Bilder vor Augen: zum einen die immer kränkelnde Mutter, wie sie mit geschlossenen Augen im Elternbett lag, bleich wie die Wachsglieder, die in der 1 4-Nothelfer -Kapelle von der Decke hingen, und zum anderen die wundersame Wiedererweckung ihres toten Schwesterchens. Das war am Ende ihrer Glatzer Zeit gewesen, an einem Sonntag auf Johannis den Täufer. Nach einer qualvoll langen Geburt war der kleine Wurm endlich zur Welt gekommen, nur um sie wenige Atemzüge später wieder zu verlassen. Starr vor Schreck waren sie um das Wochenbett gestanden, ihre Geschwister, ihr Stiefvater, die Familie ihrer Mutter, Dutzende neugieriger Nachbarn: Wussten sie doch alle, dass ein Mensch erst mit dem Sakrament der Taufe vor möglicher Verdammnis geschützt war. Da hatte die alte Wehmutter das reglose Kind genommen, in ein Tuch gepackt und mit durchdringender Stimme erst die Mutter Gottes, dann den heiligen Christophorus, Josef von Nazareth, Johannes den Täufer, den heiligen Nikolaus und wen noch alles angerufen, bis schließlich alle Umstehenden eingestimmt hatten in ihr Flehen und Jammern und Beten. Immer wieder hatte die Alte dem Kind über Augen und Stirn gestrichen, bis es doch wahrhaftig wieder die Augen öffnete, die kleine Brust hob und jeder in der Kammer das Wimmern vernehmen konnte. Rasch war die Taufkerze entzündet und die Nottaufe verrichtet, dann durfte das Kind endlich in Frieden sterben. Von da an suchten Frauen und jungeMädchen scharenweise die Grabstelle der kleinen Maria auf, ob ihrer wundersamen Wiedererweckung, was sich erst verlor, als die Hebamme in der Umgebung weitere Totgeborene scheinbar ins Leben zurückrief und schließlich wegen Betrug und Kindstötung auf dem Scheiterhaufen landete.
    Ihre Mutter hatte diese schwere Geburt und den Verlust ihrer Jüngsten wohl nie verwunden. Hatten sonst allein ihr Wille und die Liebe zu ihren vier Kindern sie nach jedem Schwächeanfall wieder auf die Beine gebracht, so schien ihr Vorrat an Kraft hiermit endgültig erschöpft: Für den Rest des Jahres blieb sie liegen, um am Weihnachtstag endgültig die Augen zu schließen. Da war Eva gerade elf Jahre alt geworden und ihre Kindheit zu Ende.
    Eine Zeitlang hatten sie noch von Mutters kleinem Erbe, das sie als Tochter einer angesehenen Handwerkerfamilie eisern zusammengehalten hatte, leben können, ihr Stiefvater, sie und ihre Geschwister Adam, Josefina und der kleine Niklas, das einzige leibliche Kind von Evas zweitem Vater. Dessen Badstube hatte nie viel abgeworfen, schon immer war das meiste für seine Spiel- und Wettschulden draufgegangen. Ohnehin hatten die Glatzer Bürger nie verstanden, warum Evas Mutter nach einjähriger Witwenschaft diesen Tunichtgut und obendrein viel zu alten Gallus Barbierer geheiratet hatte, für den Eva, seit sie denken konnte, einen unbestimmten Ekel empfand und dessen Namen sie nun tragen musste. An ihren leiblichen Vater konnte sie sich nicht mehr erinnern. Drei oder vier Jahre war sie bei seinem Tod gewesen, doch in ihrer Vorstellung sah sie ihn als stolzen, aufrechten Mann in spitzenbesetzten Gewändern. Schneidermeister war Hans Portner gewesen und so geschickt in seinem Handwerk, dass man ihn am Ende sogar an den Grafenhof berufen hatte.
    «Was hätt ich denn tun sollen mit drei kleinen Kindern?»,hatte Eva ihre Mutter oft seufzen hören, wenn wieder eine Nachbarin über ihren Stiefvater vom Leder zog und prophezeite, dass er noch den ganzen Hausstand zugrunde richten würde. Tatsächlich war es noch schlimmer gekommen: Gerade mal ein gutes Jahr nach Mutters Tod war Gallus Barbierer vor den Rat der Stadt zitiert worden, und bald ging es durch die Gassen wie ein Lauffeuer: Dieser Schandbube habe in seiner Badstube ein heimliches Hurenhaus betrieben! So ganz verstanden hatte Eva die Aufregung damals nicht, schließlich hatte sie mit eigenen Augen die vielen erlauchten Herren in schwarzer Schaube und Silberbehang, einige Geistliche sogar, mit leuchtendem Blick und geröteten Wangen dort ein und aus gehen sehen, und sie hatte bei sich gedacht, dass es um ihr Ansehen wieder besser stünde bei so viel vornehmer Kundschaft in ihrem kleinen Badhaus.
    Stattdessen war Gallus Barbierer auf eine Woche bei Wasser und Brot in den Turm gesperrt worden, um anschließend samt seinen Kindern aus der Stadt gejagt zu werden.
    Dies alles lag nun schon über ein Jahr zurück.

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