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Die Tote von San Miguel

Die Tote von San Miguel

Titel: Die Tote von San Miguel
Autoren: Jonathan Woods
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Kapitel 1
    Ein winterlicher Nebel hatte sich über den Jardín Principal von San Miguel de Allende, Mexiko, hoch in den zerklüfteten Sierra Madres gelegt wie der milchige Schleier über die Augen eines Toten. Die steinerne Fassade der Hauptkathedrale La Parroquia verschwand wie abgeschnitten übergangslos im weißen Dunst. Das trübe Licht einer Straßenlaterne ließ die schwarzen Armlehnen einer schmiedeeisernen Bank vor Nässe glänzen.
    Eine Kirchenglocke schlug zwei Uhr morgens.
    Zwei Nachtschwärmer stolperten Arm in Arm die Stufen an der Nordseite des jardín empor. Oben angekommen, schwankten sie wie Tänzer hin und her.
    Ein schwarzer, mit Glasperlen durchwirkter Schal lag auf den nackten Schultern der Frau. Das pechschwarze, auf modische Art geschnittene Haar fiel ihr wie ein Vorhang in die Stirn. Trotz des Halbdunkels glitzerten die in die Taille ihres trägerlosen Kleides eingelassenen Bergkristalle. Der Mann, der einen adretten dunklen Anzug trug, war deutlich kleiner als sie. Als sie sich an ihn schmiegte, umfasste er ihre Brüste mit beiden Händen. Sie stieß ihn heftig zurück.
    »Nimm die Pfoten weg, du Scheißkerl!«
    »Ach, komm schon, hab dich nicht so, Baby. Du weißt, dass ich dich liebe.«
    »Du bist betrunken. Und ich bin hundemüde. Ich will nichts wie rein ins Bett und drei Tage lang nur schlafen. Aber nicht mit dir.«
    Sie drehte sich um und eilte über die Plaza davon. Ihre hochhackigen Absätze klapperten wie falsche Zähne nervösüber das Steinpflaster; der feuchte Nebel benetzte ihr Gesicht.
    Der Mann stolperte desorientiert rückwärts auf den Rand des jardín zu, der ohne schützendes Geländer zwei Meter tief steil zur Straße hin abfiel. Einen Moment lang balancierte er direkt an der Abbruchkante. Ein kleiner Fehltritt, und er würde in die Tiefe stürzen und sich den Schädel auf dem Pflaster zerschmettern. Sayonara.
    Irgendwie entging er dem Verhängnis.
    »Warte!«, rief er in Richtung der Frau. »Du hättest mich gerade fast umgebracht, du verrückte puta! «
    Er taumelte ihr hinterher.
    Seine Schritte hallten wie laute Trommelschläge durch die neblige Stille. Vor ihm durchquerte die Frau gerade den Lichtkegel einer Straßenlaterne. Ein Schauder schüttelte ihren Körper. War es Angst? Ärger? Abscheu? Oder einfach nur die nächtliche Kälte?
    Der spitze Absatz eines ihrer Schuhe verfing sich in einem Spalt zwischen zwei Steinplatten. Als sie versuchte, ihn loszureißen, riss der Schuhriemen. Sie kippte vornüber und landete mit einem Aufschrei auf Händen und Knien. Die raue Oberfläche des Straßenpflasters schürfte ihr die Handflächen und Knie auf. Der Schmerz bohrte sich ihr wie ein Pfeil ins Gehirn und ließ sie für einen kurzen Moment ohnmächtig werden.
    Als der Mann sie erreichte, schüttelte sie schmerzbenommen langsam den Kopf.
    »Jesus, Consuela! Bist du okay?«
    »Natürlich bin ich nicht okay!«
    Der Mann half ihr auf die Füße. Ein dunkler Blutfaden rann aus einer Schramme an ihrem Knie ihr Schienbein hinab.
    »Du blutest ja.«
    »Ach, was du nicht sagst, Leo!«
    Consuela bückte sich, streifte den anderen Schuh ab und schleuderte das Paar so weit sie konnte in die Dunkelheit. Dann setzte sie sich barfuß und hinkend wieder in Bewegung. Leo ergriff ihren Arm.
    Sie durchquerten den jardín von Nordwesten nach Südosten und schlugen dabei einen Bogen um den kuppelförmigen Pavillon, wo im Sommer Blaskapellen spielten. Weiter voraus duckten sich dunkle Säulengänge entlang des östlichen Randes des zócalo . Ein Nieselregen setzte ein.
    Zwei wilde Katzen fauchten das näher kommende Pärchen an und zogen sich widerwillig in ein Gebüsch zurück.
    »Was ist das?«, fragte Leo.
    »Was?« Consuelas Stimme klang ungehalten.
    »Da drüben.« Leo deutete auf einen dunklen Schemen auf dem Boden. »Das, woran die verdammten Katzen so interessiert waren.«
    »Ein Beutel Müll, den irgendwer weggeworfen hat. Komm schon, Leo, ich will vor dem Morgengrauen zurück im Hotel sein.«
    Doch Leo weigerte sich weiterzugehen. Er ließ Consuela los und folgte einige Schritte weit einem Seitenweg, der in Richtung des vermeintlichen Müllbeutels führte.
    »Leo. Bitte! Können wir nicht einfach weitergehen?«, rief Consuela drängend.
    »Es ist ein Mensch.«
    »Oh, um Christi willen! Das ist garantiert ein Indianer, der sich mit pulque abgefüllt hat. Geh nur nicht zu nahe ran. Sonst fängst du dir noch einen Haufen Flöhe ein. Oder Schlimmeres.«
    Der Mann beugte sich

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