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Die Time Catcher

Die Time Catcher

Titel: Die Time Catcher
Autoren: Richard Ungar
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4. Mai 2060, 19:16 Uhr
    Große Halle des Volkes, Beijing, China
    I ch kann nicht aufhören zu weinen.
    Ich würde ja gern behaupten, es seien Tränen der Ergriffenheit, darüber, dass sich die beiden mächtigsten Staatsmänner der Welt in diesem Moment die Hände reichen. Doch um ehrlich zu sein, liegt es an einer Schwäche, die man im Allgemeinen nicht mit Dieben in Verbindung bringt. Es ist meine Allergie, die mir Tränen in die Augen treibt.
    So ist das in jedem Frühjahr. Vor allem, wenn Narzissen in der Nähe sind. Und es müssen mindestens zehntausend dieser schrecklichen gelben Dinger sein, die anlässlich des Staatsbesuchs des amerikanischen Präsidenten in Reih und Glied stehen. Der ist angereist, um gemeinsam mit dem Präsidenten von China das Große Freundschaftsabkommen beider Länder zu unterzeichnen. Ich verstehe nicht viel von Weltpolitik, denke aber, die USA und China werden nur deshalb beste Freunde, um sich ihre Waren gegenseitig zum halben Preis abkaufen zu können.
    Ich platziere mich so, dass ich nicht mehr in Windrichtung der Pollen stehe. Man sollte doch glauben, dass auf einem Platz, der zehn Mal so groß wie ein Fußballfeld ist, ein bisschen Ellbogenfreiheit herrscht. Aber mir bleibt keine andere Wahl, als Schulter an Schulter mit ein paar grau uniformierten Pfadfindern zu stehen, die gelbe Halstücher tragen und an dieser historischen Veranstaltung wahrscheinlich nur teilnehmen, um sich ein Verdienstabzeichen zu sichern. Doch eigentlich steht es mir nicht zu, mich darüber zu beklagen. Schließlich besuche auch ich Beijing nicht mit noblen Absichten. Wüssten die Soldaten mit ihren glänzenden Stiefeln, die beide Staatspräsidenten flankieren, warum ich hier bin, würden sie mich in Handschellen abführen.
    Von meinem neuen Standort aus habe ich einen großartigen Blick auf einen der zehn riesigen Bildschirme, die sich auf dem Platz befinden. Die leibhaftigen Präsidenten erkenne ich nur als winzige Punkte in der Ferne. Aber das ist mir egal, ich bin schließlich nicht ihretwegen hier.
    Das Gebäude hinter den Staatsmännern interessiert mich schon mehr: die Große Halle des Volkes. Eigentlich sollte sie Bombastische Halle des Volkes oder so heißen, weil sie wirklich gigantomanisch ist. Jede einzelne der monumentalen grauen Marmorsäulen wiegt bestimmt eine Tonne. Seltsamerweise passt dieses Gebäude überhaupt nicht zu den anderen umliegenden. Die Große Halle ist ein viereckiger Klotz, während die übrigen Häuser schräge Dächer und geschwungene Linien haben.
    Es nieselt, aber das scheint niemanden in der gewaltigen Menschenmenge zu stören. Alle knipsen wie verrückt mit ihren Kameras, was ich ihnen nicht verdenken kann. Schließlich ist das hier eine historische Veranstaltung. Der Beginn einer goldenen Ära der amerikanisch-chinesischen Beziehungen ereignet sich schließlich nicht jeden Tag.
    Die Staatspräsidenten schreiten die Stufen vor der Großen Halle hinunter und schütteln ihren Stellvertretern die Hand, danach den Stellvertretern ihrer Stellvertreter und so weiter und so fort. Ich frage mich, wie es sich anfühlt, die Nummer vier eines der mächtigsten Staaten dieser Erde zu sein. Wahrscheinlich braucht man viel Geduld – es müssen schon einige Leute ihren Job aufgeben, bis so einer endlich selbst die Welt regieren darf.
    Ich lasse meinen Blick prüfend über die Menge schweifen, auf der Suche nach irgendjemandem, der meine Mission gefährden könnte. In meiner Branche kann man nicht vorsichtig genug sein. Da niemand gern bestohlen wird, bin ich es gewohnt, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. In diesem Fall heißt das zu warten, bis sich die Touristenmenge zerstreut und die Ehrenwache mit ihren dekorativen, aber spitzen Bajonetten nach Hause geht, um Tee zu trinken.
    Aber natürlich kann ich nicht ewig warten. Diese Zeitreisen schlauchen einen ganz schön. Nach fünfzig Minuten in der Vergangenheit werden die Sinne in eine Art Zeitnebel gehüllt. Man fühlt sich benommen, die Gedanken werden getrübt, und die Motorik gerät ins Stocken. In diesem Zustand erfordert es größte Mühe, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen. Nach drei Stunden beginnt dann der Kreislauf zu kollabieren. Mein längster Aufenthalt in der Vergangenheit dauerte genau siebenundfünfzig Minuten, und ich bin nicht scharf darauf, diesen Rekord jemals zu brechen. Das einzige Mittel gegen den Zeitnebel ist eine Rückkehr in die Gegenwart, was in meinem Fall 2061 bedeutet, und

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