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Die Tibeterin

Die Tibeterin

Titel: Die Tibeterin
Autoren: Federica de Cesco
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Prolog

    D er Junge rannte durch Kälte und Dunkelheit. An einigen Stellen war der Boden schon gefroren. Moos knirschte unter seinen Füßen, der Wind blies ihm hart in den Rücken. Nebel hing dicht und weiß über der Bergflanke. Uralte, knorrige Kiefern klammerten sich an die Felsabsätze; sie ragten aus dem Dunst, steinhart geworden von jahrhundertealtem Schmerz und vom Widerstand gegen die Elemente. An manchen Stellen lichtete sich der Nebel. Dann wurde im Tal die Klosterstadt sichtbar. Der Widerschein der Brände färbte die unteren Dunstschichten purpur und gelb. Über den Ruinen formten Scheinwerfer ein von Rauchwolken umgrenztes Zelt, in dessen Kern das rote Riesenherz pochte. Das Erz würde drei Tage und drei Nächte glühen, ohne seine Form zu verlieren, bevor das Feuer abkühlte. Ein wirres Klagen erscholl seltsam gedämpft aus der rauchenden Stadt – nicht wie aus tausend schreienden Kehlen, vielmehr klang es, als seufze eine einzige Stimme halb erstickt in Todesqualen. Der Junge hörte sie kaum. Unten am Berghang vernahm er andere Stimmen, heiser vor Anstrengung und schwer vom Schnaps, und dazu das Geräusch stapfender Stiefel auf dem knirschenden Nadelteppich. Sie waren zu dritt. Der Befehlshaber sprach gerade so laut, daß seine Stimme am Berg zu hören war. Er lachte dazu. Irgendwann peitschte ein Schuß, viel zu weit daneben, wie es dem Jungen schien. Er duckte sich kurz hinter einen Felsen; er wollte nicht, daß sie seine Spur verloren. Er legte beide Hände trichterförmig an den Mund. Flüche und Verwünschungen kamen ganz mühelos über seine Lippen, er hatte sie oft genug bei den Kriegern gehört. Klar und schrill flogen die Worte über die Bergflanke.
    »… Feigling, räudiger Hund! Ich werde dein Herz zwischen den Zähnen tragen! Ich werde deine Leber essen, deine Hoden als Tabaksbeutel auf dem Markt verkaufen!«
    Er sprang auf, rannte weiter. Sein heftig pochendes Herz drohte zu zerspringen. Er rannte, bis ihm der Atem ausging und er mit vorgeneigtem Oberkörper keuchend nach Luft schnappte. Dabei spürte er, daß seine Verfolger aufholten, und lief weiter, weil er den Vorsprung bewahren wollte. Der Berg mit seinen Krüppelbäumen, Flechten und Moosen war ihm vertraut. Verschiedene Felsinseln 6
    umgehend, stapfte er weiter. Seine Kehle war trocken, jede Bewegung, jeder Schritt erfolgte völlig automatisch. Plötzlich fand er die Witterung, die er suchte: sie war scharf, beißend, stinkend.
    Hier, auf halber Höhe, überfiel ihn eiskalt und heulend der Ostwind, trug ihm das vertraute Schnaufen und Grunzen entgegen. Der Junge wandte sich um, mit bleichem, wutverzerrten Gesicht, und spähte lauernd um sich. Im Nebel war nichts zu erkennen, aber sein feines Gehör schätzte die Geräusche ab. Sein Verfolger befand sich etwa zweihundert Schritte hinter ihm, näher, als er zu hoffen gewagt hatte.
    Die zwei anderen waren nicht allzu weit gekommen. Der Junge wischte sich den kalten Schweiß aus der Stirn.
    »Wo bist du?« Er schrie aus Leibeskräften. »Komm und hol mich, du stinkendes Aas!«
    Abermals hörte der Junge, wie sein Verfolger lachte. Das Lachen klang stockend und erregt. Er war ein Mann im Vollbesitz seiner Kraft, auch wenn der Schnaps seinen Schritt unsicher machte.
    Lichteten sich die Nebel, würde er den Jungen wahrscheinlich sehen können. Aber er würde nicht schießen, nein, das hatte er sich fest vorgenommen. Er wollte ihn nicht töten. Nicht jetzt und nicht so. Er wollte seinen Spaß mit ihm haben. Er hatte Übung in diesen Dingen und ging sehr methodisch vor. Der Junge würde noch tagelang leben.
    Der Wind verstärkte sich; Nebelschwaden glitten vorbei wie Traumschleier. Der Junge kletterte ohne Unterlaß, mit blutigen Knien, rutschend, strauchelnd und zitternd. Der Moschusgeruch war jetzt so dicht, daß er ihm wie eine schwere Decke entgegenschlug.
    Da teilte ein Windstoß die Nebel: Gestalten kamen in Sicht, zwei, drei, eine ganze Gruppe. Wie mächtige Felsblöcke ragten sie auf.
    Nur ihre Schwänze bewegten sich, und ihre Nüstern zogen die Witterung ein. Manche standen mit ihren gewaltigen Körpern dicht aneinandergepreßt, wandten die Köpfe in verschiedene Richtungen.
    Es war, als habe es auf diesem Berg seit Erschaffung der Welt nichts anderes gegeben als diese Tiere. Ihr Atem stand in kleinen weißen Wolken vor ihren Nüstern, und an den langen Mähnen klebten Eiszapfen. Hier in der Höhe gefror der Nebel, der Wind bewegte winzige, flimmernde Körnchen in der Luft. Sie

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