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Die Terranauten TB 04 - Zeitfenster

Die Terranauten TB 04 - Zeitfenster

Titel: Die Terranauten TB 04 - Zeitfenster
Autoren: Robert Quint
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I
In der Tiefe
    Zehn Minuten, nachdem Gral den Düsenkopter verlassen hatte und durch das dichte Schneetreiben in den Bunkereingang geeilt war, begann das Aufputschmittel zu wirken. Mit einemmal war er wach. Hellwach. Seine Müdigkeit war verflogen, und die leichte Depression, die ihn seit seinem Abflug von Zürich beherrscht hatte, wich einem leichtfertigen Optimismus.
    Leichtfertig, ja, dachte Gral mit einem Hauch Selbstkritik, die eine disharmonische Note in den milden Glückszustand brachte, mit dem ihn das Amphetamin erfüllte. Leichtfertig ist das richtige Wort. In diesen Zeiten gibt es ganz gewiß keinen Anlaß zum Optimismus. Weiß Gott nicht!
    Trübes Licht erfüllte den niedrigen Betontunnel, der sich endlos dahinzog und irgendwann in die Wärme und Helligkeit von Transkom-12 münden sollte. In den alten Bunker aus den apokalyptischen Tagen des letzten Jahrhunderts, die unterirdische Burg der Mächtigen, die längst schon tot und vermodert waren und an deren Bedeutung sich heute kein Mensch mehr erinnerte. Vielleicht nisteten ihre Seelen noch in den Winkeln der Gänge und Bäume, doch wenn dies so war, so mußten ihre Seelen stumm und gelähmt sein.
    Gral schauderte unwillkürlich, und zu allem Überfluß registrierte er in diesem Moment Terjungs forschenden Blick. Ein Blick aus Augen wie Glas, die mit klinischer Nüchternheit jede Gemütsregung Grals zu erfassen schienen. Ein steinernes Gesicht mit ledriger Haut und einer hohen Stirn, hinter der ein Gehirn arbeitete, dem Gefühle fremd sein mußten. Ein Computer im Gehirn eines Menschen. Ein Rechner mit organischen Schaltkreisen und Gewebeverdrahtungen. Mit Mikrochips aus Nervenzellen. Informationsübertragung durch biochemische Transmittermoleküle, statt durch elektrische Impulse.
    Terjung ist nicht gezeugt worden, dachte Gral mit einem Anflug von Zynismus. Er ist nicht im warmen Bauch einer Frau gewachsen, und die Schmerzen und der Schrecken der Geburt sind ihm so fremd wie der Weltraum jenseits des Pluto. Terjung ist fraglos ein Retortenmensch. Ein Geschöpf aus dem Reagenzglas, oder das Fließbandprodukt einer Roboterfabrik.
    Gral schlurfte weiter.
    Die muffige, warme Luft in dem Tunnel erschwerte ihm das Atmen, und er war dem Amphetamin dankbar, daß es ihm die Glieder stärkte und ihn davor bewahrte, hinter Terjung zurückzufallen.
    Der Söldner war groß. Zwei Köpfe größer als Gral und breit wie ein Schrank. Gebückt schritt er vor Gral daher, und keine Sekunde löste sich seine rechte Hand von dem Gürtelhalfter mit der altmodischen automatischen Pistole.
    Ho, Cowboy, dachte Gral spöttisch. High Noon in der Unterwelt. Nur wer schneller zieht, stirbt alt im Bett.
    Gral hustete unterdrückt und nestelte am Kragen seines einteiligen hellbraunen Anzugs. Der Kragen war naß. Schneeflocken, die in der Wärme des Tunnels geschmolzen waren.
    Über der Eifel tobten Schneestürme. Dreißig Grad minus nach einem langen, heißen Sommer, der die Talsperren ausgetrocknet und die Wiesen und Felder versengt hatte. Nach einem Sommer, der so wie alle Sommer der letzten Jahre gewesen war und Hamburg, Amsterdam, New York und zahllose andere Küstenstädte mit dem Wasser der schmelzenden polaren Eiskappen überschwemmte.
    Nun, sagte sich Gral, vielleicht wird Grönland wieder grün und gewinnt die Verheißung zurück, die in dem alten Namen verborgen liegt. Grönland wie Grünland.
    »Möchten Sie eine Rast einlegen?«
    Terjung war unvermittelt stehengeblieben und hatte sich herumgedreht, so daß Gral fast mit ihm zusammenstieß.
    »Nein«, sagte Gral mürrisch. »Gehen Sie weiter.«
    Terjung sah ihn an, mit Glasaugen, mit ausdrucksloser Miene, und dann nickte er bedächtig.
    »Gut. Aber Ihre Pulsfrequenz …« Er pochte auf das eiförmige Gerät, das er am linken Handgelenk trug; ein Mikrodiagnoster, der über ein Kurzstreckenfunkgerät mit den implantierten Sensoren in Grals Organismus verbunden war. »Sie ist ungewöhnlich hoch.«
    Gral schnitt eine Grimasse.
    »Kümmern Sie sich nicht um meine Pulsfrequenz«, schnappte er. »Gehen Sie weiter. Dieser Tunnel erzeugt bei mir Klaustrophobie. Ich bin froh, wenn ich hier raus bin.«
    Terjung marschierte weiter, und Gral blieb dicht hinter ihm.
    Diese Söldner, dachte Gral. Diese gottverdammten Söldner. Ist Terjungs Gegenwart ein Zeichen für die Fürsorge der Zentrale, oder hat man mir Terjung als Aufpasser zur Seite gestellt? Und wenn er ein Aufpasser ist, wem erstattet er Bericht? Zamuel, dem Direktor des

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