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Die Sturmrufer

Die Sturmrufer

Titel: Die Sturmrufer
Autoren: blazon
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anderes zu tun, als sich um jemanden wie sie zu kümmern. Sicher machte er sich Sorgen um seine Familie. Amber spürte einen Stich. Die Leute in Dantar hatten Familien. Richtige Familien. Nur zögernd ergriff sie seine Rechte und staunte über den Kontrast zwischen seiner tiefbraunen Haut und ihren hellen Fingern.
    »Ich brauche kein Glück«, erwiderte sie heiser. »Ich brauche nur Arbeit. Aber ich wünsche dir, dass denen, die du liebst, nichts passiert ist.«
    Inus Miene hellte sich auf. »Der westliche Teil der Stadt ist nicht zerstört worden – diesmal nicht. Der Mann vorhin hat es mir gesagt. Aber ich danke dir für deinen Wunsch.«
    Amber ließ widerwillig seine Hand los. Sie wollte sich nicht verabschieden, nicht so. Inu war der erste Mensch, der sie nicht nur als Gast behandelt hatte. Krampfhaft suchte sie nach Worten, um sich nicht trennen zu müssen – nicht jetzt, mitten im Chaos.
    »Gehst du zum Hafen? Zu… den Kapitänen vielleicht?«
    Inu runzelte die Stirn und sah sie fragend an. »Zum Hafen, ja, aber ob die Kapitäne dort sein werden oder im Haus des Fischerkönigs, weiß ich ni…«
    »Ich komme mit! Ich sehe nur nach, ob meine Sachen noch da sind, es dauert nicht lange. Als der Sturm kam, war ich gerade auf dem Weg zu einer Kapitänin, die am Seilermarkt lebt.«
    »Dort kenne ich nur eine: Sumal Baji Santalnik. Bei ihr wolltest du nach Arbeit fragen?«
    Der ungläubige Ton in seiner Stimme machte Amber wütend. Es war ein Anflug dieser Wut, die sie nie wieder hatte spüren wollen – die Wut, die ihre Hände zu Fäusten ballte und in ihrer Brust stach. »Gibt es etwas daran auszusetzen?«, fragte sie schärfer als beabsichtigt.
    »Kein Grund, gleich aus der Haut zu fahren. Nur… für… jemanden wie dich wird es schwierig sein, Arbeit zu bekommen. Die Stellen auf den Schiffen werden nur an sehr erfahrene Leute vergeben. An Leute, die ihr ganzes Leben lang auf dem Meer waren, die gut tauchen können und…«
    »Zum Verladen von Schiffen muss man doch nicht tauchen können!« Ihre Fingernägel drückten kleine brennende Sicheln in ihre Handflächen. Niemand würde sie mit einem spöttischen Lächeln abweisen. »Ich bin stark«, setzte sie trotzig hinzu. »Und das andere werde ich auch noch lernen. Oder traut ihr jemandem, der nicht aus Dantar stammt, nichts zu?«
    Jetzt, da sie sich gerade aufgerichtet hatte, war sie größer als Inu.
    »Dass du stark bist, ist kaum zu übersehen«, antwortete er. »Aber das wird dir nichts nützen – ohne Genehmigung und ohne einen Bürgen… Aber frag Sumal selbst, wenn du mir nicht glaubst. Ihre Schiffe liegen am kleinen Hafen – wenn sie noch dort liegen.«
    »Du kennst Sumal Baji?«
    »Kennen ist zu viel gesagt. Sie kauft ihre Seile bei mir. Sie braucht viel Seil, denn sie ist die Einzige in der Stadt, die auch die großen Drachenfische jagt.«
    »Warum sagst du das nicht gleich? Dann nimm mich mit zu ihr!«
    Er verschränkte die Arme und schnaubte durch die Nase. Amber wusste, dass sie zu weit gegangen war – wie immer. Warum fiel es ihr so verdammt schwer, mit den Menschen hier zu reden?
    »Du kennst das Wort ›bitte‹ nicht, oder?«, sagte Inu. »Einen Rat, wenn du mit Sumal sprichst: Sei nicht unhöflich, fall ihr nicht ständig ins Wort und…«
    »Unhöflich? Was zum Henker meinst du damit?« Beinahe hätte Amber geschrien. Aber sie beherrschte sich, auch wenn es ihr schwerfiel. Sie hatte sich geschworen, ihre Faust nicht mehr aus Wut zu erheben. Und dieses Versprechen an Dantar wollte sie halten!
    »Damit meine ich zum Beispiel, dass du dich nicht einmal bedankt hast, nachdem ich dich aus dem Wasser gezogen habe«, sagte Inu ruhig. Er musterte ihre geprellte Schulter. »Du kommst nicht gerade aus einer freundlichen Gegend, oder?«
    »Nimmst du mich jetzt mit zum Hafen oder nicht? Ich habe Geld – ich kann dich bezahlen. Wie viel willst du dafür, dass du mein Bürge wirst?«
    Inus Miene verfinsterte sich. »Tu mir einen Gefallen und lass dein Geld, wo es ist. Nicht alle hier in Dantar benehmen sich wie Uja.«
    »Dann nimmst du mich also mit!«
    Jetzt waren seine Augen so dunkel wie das Sturmwasser. Sein Blick glitt über ihre muskulösen Arme, die Narben an ihren Händen, die von Sicheln und Axtschneiden stammten. Man sah ihr an, dass sie ihr ganzes Leben gearbeitet hatte, und Amber war stolz darauf, dass selbst die Betrunkenen in den Straßen sich zweimal überlegten, ob sie sich ein respektloses Wort leisten sollten. Plötzlich lächelte

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