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Die Sturmrufer

Die Sturmrufer

Titel: Die Sturmrufer
Autoren: blazon
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Stadt.«
    Murmelnde Stimmen in dem kleinen Lagerraum zeigten ihr, dass sich noch andere Menschen hierher geflüchtet hatten. Wieder landete etwas Hartes auf der Tür über ihren Köpfen und Amber hob instinktiv die Schultern und zog den Kopf ein. Der Wind heulte wie ein Hallgespenst, Knacken und Bersten waren zu hören.
    »Keine Angst«, flüsterte der Seiler neben ihr. »Der Marktplatz liegt erhöht – das Wasser ist noch nie bis hierher gekommen. Und die Tür ist aus schwarzer Eiche. Das härteste Holz, das man bekommen kann.«
    Amber zog einen Mundwinkel hoch. »Hart genug für ein einstürzendes Haus?«
    Er schwieg, als ein neuer Lärm über sie hereinbrach. Amber schützte ihren Kopf mit den Armen. Erst nach einer ganzen Weile wurde es wieder ruhiger.
    »So, wie ich den Sturm einschätze, wird es eine lange Nacht in diesem Keller«, meinte der Seiler und räusperte sich. Seine Stimme klang rau. Amber fragte sich, ob er sich um jemanden außerhalb dieses Kellers Sorgen machte. Nun, zumindest diesen Vorteil hatte sie hier: Niemand aus ihrer Familie war in der Nähe. Obwohl sie liebend gerne dabei zugeschaut hätte, wie eine Dachschindel Omins Schädel spaltete.
    »Ich heiße Inu Taramo«, fuhr der Seiler fort. »Und du?«
    Sie zögerte. Zwei Namen. Natürlich. Alle in der Stadt trugen einen Erst- und einen Zweitnamen. Manche hatten sogar drei. Trotz der vielen Münzen in ihrem Geldbeutel kam sie sich schäbig und ärmlich vor, als sie endlich antwortete. »Amber.« Mehr hatte sie nicht.
    »Nur Amber?«, fragte er prompt.
    »Was soll das heißen: ›nur‹? Bist du etwas Besseres, nur weil du einen zweiten Namen hast?«
    Jemand im Keller schnaubte verächtlich. Amber biss sich auf die Unterlippe. Sie begann wieder Fehler zu machen! Der Seiler hatte sie in den Keller mitgenommen und sie war unhöflich zu ihm.
    »Das ist kein Name von der Küste«, sagte Inu nach einer Weile. »Du kommst also vom Hochland? Von einem der Bauernhöfe? Oder bist du Händlerin?«
    »Ich wohne jetzt hier«, erwiderte sie schnell. »In Dantar.«
    »Du wohnst hier?«, fragte eine Frauenstimme. »Wer ist dein Bürge?«
    Amber zuckte zusammen. Bürge?
    »Ich habe keinen«, sagte sie. Und setzte schnell hinzu: »Noch nicht.«
    »Das heißt, du sprichst beim Fischerkönig vor und willst eine Genehmigung bekommen, hier zu bleiben? Die bekommst du aber nur, wenn du hier auch Arbeit hast. Und den Bürgen.«
    Für einen Augenblick vergaß Amber den Sturm.
    »Ich werde… hier arbeiten!«, erklärte sie eine Spur zu laut.
    »Wirklich?« Das war wieder Inus Stimme. »Wo denn?«
    »Das weiß ich noch nicht. Auf… einem der Schiffe.«
    Sein Schweigen war deutlicher als eine zweifelnde Antwort.
    »Auf einem der Schiffe«, spottete eine dritte Stimme irgendwo in der Dunkelheit. »Nichts einfacher als das. Bist du auch einer der Bauern, die vom Meer träumen?«
    Spöttisches Zischen übertönte einen Augenblick lang das Heulen. Amber ballte in der Dunkelheit die Fäuste. Die Leute in der Stadt waren stets freundlich und nahmen Gäste aus der Fremde mit offenen Armen auf. Aber sobald einer dieser Gäste sich anmaßte, zu dieser Stadt gehören zu wollen und nach Arbeit zu fragen, verwiesen sie ihn deutlich auf seinen Platz. Trotz der Dunkelheit kam Amber sich bloß und durchschaut vor.
    Die anderen tuschelten noch eine Weile über sie, doch als sie nicht antwortete und das Heulen des Sturms wieder lauter wurde, verstummten sie. Regen klatschte gegen das Holz der Luke.
    Als hätte die feindselige Stimmung die Luft mit einem Eishauch vermengt, war es im Raum kälter geworden.
    Amber spürte eine Berührung an ihrer Schulter und zuckte zurück. Die Prellung an der Stelle, wo der Knüppel sie vor einigen Tagen getroffen hatte, schmerzte immer noch. Das Haar des Seilers strich an ihrem Arm entlang. Er musste sich vorgebeugt haben. »Ist dir kalt?«
    »Nein«, log sie.
    »Die Stürme werden immer schlimmer«, meldete sich eine Frauenstimme zu Wort. »Zehn Handelsschiffe allein in diesem Sommer! Diese Stadt wird verarmen und verrotten. Wie viele Menschen sind schon aus der Stadt ins Inland geflüchtet? Bald lohnt es sich überhaupt nicht mehr, die Häuser am Hafen wieder aufzubauen.«
    »Es ist, als wären die Sturmrufer zurückgekehrt, um die Stadt zu vernichten«, meldete sich ein Mann mit brüchiger Stimme zu Wort.
    »Hört auf, Unsinn zu erzählen«, unterbrach ihn der Seiler an Ambers Seite mit großer Bestimmtheit. »Die Sturmrufer sind seit vielen Sommern

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