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Die Straße - Roman

Die Straße - Roman

Titel: Die Straße - Roman
Autoren: Suhrkamp-Verlag <Berlin>
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D ie Straße entlang standen die anderen Häuser. Jedes dieser Häuser war mir unbekannt, eine fremde Welt, verschlossen durch die Eingangstür. Was dahinter geschah, war für mich unvorstellbar. Die Häuser in unserer und in den angrenzenden Straßen hatten eine eigene physische Präsenz, wie für sich seiende Wesen. Ihr Wesen schien aus den Mauern, der Fassadenfarbe, der Größe und Anordnung der Fenster und all den nach außen sichtbaren Gegebenheiten zu bestehen. Im Grunde sahen diese Häuser im Mühlweg und überhaupt im Barbaraviertel alle gleich aus, es war eine eintönige Fünfziger- und Sechziger-Jahre-Architektur, aber gerade weil sie alle demselben Muster folgten, konnten die wenigen äußerlichen, voneinander unterschiedenen Einzelheiten jedem eine so individuelle Substanz geben, daß ich nie den ganzen Straßenzug sah, sondern immer diese einzelnen Hauswesen, hinter denen sich jeweils eine eigene, mehr oder minder völlig abgeschottete Welt befand. Manchmal sah man etwas von dieser Welt bzw. dem in dem jeweiligen Haus eingeschlossenen Leben. Etwa wenn die Bewohner im Garten saßen oder wenn der Familienvater das Automobil wusch, was damals regelmäßig jeden Samstag geschah. Manchmal sah man Menschen aus den Türen kommen, manchmal durch sie verschwinden, manchmal konnte man durch ein Fenster irgendein Detail dieser unvorstellbaren Welt erhaschen, die Ecke eines Wohnzimmerschranks, ein Bild. Irgendwelche Vasen.
    Als Kind hatte ich natürlich eine unüberwindbare Angst vor diesen fremden Häusern, und es war fast unmöglich, mich in sie hineinzubringen. Schon vor der Fahrt nach Frankfurt zu meiner dortigen Verwandtschaft hatte ich Angst. Immer wenn ich ein fremdes Haus betrat, war ich überwältigt von sämtlichen Sinneseindrücken. Alles war fremd und anders, wobei ich auch hier sagen muß, daß diese Fremdheit nur dadurch so stark werden konnte, daß im Grunde alles in diesen Häusern gleich war. Hinter der Haustür kam fast immer die Treppe, und diese Treppe war ja nicht kategorial von anderen Treppen geschieden, sondern nur die Variation ein und derselben mir bekannten Form. Aber gerade die Akzidentien ließen alles so unterschiedlich wirken, Farbe, Lage, Geruch, die Enge oder Breite des Eingangs, welche Gegenstände um die Treppe herumstanden. Schon allein an der Treppe war das fremde Hausleben für mich fühlbar, sehbar und riechbar. Dort standen etwa Schuhe, deren Träger ich gar nicht kannte, und schon seit Jahren liefen diesefremden Menschen in diesen Schuhen in ihrem mir fremden Leben durch die Welt, nur wenige Meter von meinem Elternhaus entfernt und trotzdem universenweit fort. In jedem Ding sah ich in erster Linie nicht das Ding selbst, sondern den Menschen, der hinter diesem Ding steckte. Deshalb hatte alles diese lange Zeit so bedrohliche Nähe und Zudringlichkeit, weil die Dinge so waren, als stünde der Mensch bereits in den Schuhen und also direkt vor mir. Mit der Zeit gewöhnte ich mich natürlich an dieses Phänomen, je öfter ich, und inzwischen auch allein, fremde Häuser und fremde Wohnungen betrat. Die Angst verschwand, aber es blieb noch, sicher bis ich zehn, elf war, eine gewisse körperliche Abneigung, eine Art von Grundangewidertheit, wenn mich die Atmosphäre einer fremden Wohnung umschloß: das darin herrschende Licht, der darin liegende Geruch, die Konsistenz des Teppichs, der Vorhänge, der Schränke und Sessel und vor allem natürlich meistens die Erfahrung der Enge, denn unser eigenes Haus war groß und leer.
    Vor allem muß mich diese heimelige Gemütlichkeit angeekelt haben, mit der die Wohnungen eingerichtet waren. Zumindest würde ich es heute so sagen: Man sah den Wohnungen an, daß die Bewohner es in ihnen heimelig und gemütlich haben wollten. Man sah den Willensakt. Besonders unangenehm war, wenn man mir aufnötigte, zum Essenzu bleiben, und wenn ich am Tisch in der Küche des anderen Hauses saß. Die Gerüche wurden dann am intensivsten, und ich saß mittendrin und sah den fremden Lebensrhythmus und die fremde Vertrautheit jener Familienmitglieder untereinander. Vielleicht stellte ich mir auch immer vor, ich wäre nicht in unserem Haus, sondern in diesem fremden anderen aufgewachsen, oder in einer fremden Wohnung, und dieses andere Licht und dieser andere Geruch und diese anderen Zimmer wären meine Welt gewesen. Dann wäre ich ja wie die anderen geworden, dachte ich. Die anderen aber waren offenbar anders als ich. Und das hing für mich auch mit jenen anderen

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