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Die standhafte Witwe

Die standhafte Witwe

Titel: Die standhafte Witwe
Autoren: Julie Garwood
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Augen und stieß einen Seufzer der Zufriedenheit aus.
    »Du wirst dich in Zukunft nie wieder in eine so unsinnige Gefahr begeben«, sagte er. »Hast du eigentlich einen Hauch der Ahnung, wieviel Sorgen ich mir um dich gemacht habe?«
    Offenbar nicht, denn Gabriel wartete eine volle Minute auf ihre Antwort. Dann stellte er fest, daß sie eingeschlafen war.
    Kurze Zeit später verließ er die Kammer, um Clansherr Gillevrey für seine Gastfreundschaft zu danken. Die englische Armee war von Gabriels Verbündeten aus dem Norden den Hügel hinuntergejagt und wie eine Herde Ratten in alle Winde zerstreut worden. Die Highlander waren nun in der Überzahl, und ihre Anwesenheit war spürbar. Baron Williams wäre ein Narr gewesen, einen Angriff auch nur in Erwägung zu ziehen, und obwohl Gabriel sicher war, daß er zu König John zurücklaufen würde, wollte er trotzdem kein Risiko eingehen. Er verdoppelte die Zahl der Wachen um die Burg herum und bestand darauf, daß die Verbündeten blieben, solange Johanna sich im Haus befand.
    Johanna schlief zwölf Stunden lang durch. Am nächsten Morgen wachte sie erholt und frisch auf und wollte nur noch nach Hause zurück. Doch als sie sich schon verabschiedeten, bestand sie darauf, noch einmal in die Halle zurückzukehren. Gabriel dachte nicht daran, sie aus den Augen zu lassen. Er folgte ihr hinein und hielt am Eingang Wache.
    Seine Frau griff eine der Dienerinnen und schob sie vor den Clansherrn Gillevrey.
    »Ich kann nicht gehen, ohne Euch zu sagen, was für eine wunderbare, mutige Frau Lucy ist«, begann Johanna. »Etwas Treueres als diese Frau könnt Ihr kaum finden, Clansherr Gillevrey.«
    Gut fünf Minuten verbrachte sie noch mit Lobpreisungen, und schließlich stand der Clansherr auf und lächelte Lucy an. »Du wirst dafür reich belohnt werden«, verkündete er.
    Johanna war zufrieden. Sie verbeugte sich vor Gillevrey, dankte Lucy erneut für Hilfe und Trost und wandte sich zum Gehen. Plötzlich blieb sie wie angenagelt stehen.
    Sie hatte Bischof Hallwick entdeckt. Er stand in der Tür auf der anderen Seite der Halle und starrte sie an. Sie blickte nur ein oder zwei Sekunden in sein Gesicht, aber es war lange genug, um seine Miene zu deuten. Sie drückte Abscheu und Haß aus.
    Der Bischof trug eine Robe in Kardinalsrot. Johanna fragte sich, ob er seine Position über Nacht selbst aufgewertet hatte. Seine Taschen standen gepackt neben ihm, und zwei Gillevrey-Soldaten befanden sich direkt hinter ihm. Johanna nahm an, daß die beiden den Bischof nach Hause bringen wollten.
    Sein Anblick jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Sie hätte die Halle verlassen, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, doch dann sah sie den langen schmalen Stock, der aus einer der Taschen ragte. Und da wußte sie, daß sie nicht gehen konnte, ohne vorher eine wichtige Sache zu erledigen.
    Langsam ging sie zum Bischof hinüber, wobei ihr Blick auf das Objekt ihrer Wut geheftet war. Bevor Hallwick reagieren konnte, hatte Johanna das Ding schon geschnappt und war einen Schritt zurückgetreten, so daß sie nun direkt vor ihm stand.
    Hallwick wich zurück. Er wollte fort, aber die Gillevrey-Soldaten versperrten ihm den Rückzug.
    Johanna hob langsam den Stock. Der Haß in seinen Augen wandelte sich in Furcht.
    Sie stand dort eine lange Weile, ohne ein Wort zu sagen, und blickt auf den Stock in ihrer Hand, während Hallwick sie anstarrte. Erwartungsvolles Schweigen breitete sich in der großen Halle aus. Wahrscheinlich dachten einige, sie wollte Hallwick schlagen, aber Gabriel wußte es besser. Er war ihr zu dem alten Mann gefolgt und stand nun wenige Schritte hinter ihr.
    Plötzlich packte Johanna den Stock mit beiden Händen an den zwei Enden. Immer noch hielt sie das Ding dem Bischof vors Gesicht. Ihre Hände schmerzten vor Anstrengung, den Stab zu zerbrechen.
    Das Holz war zu dick und zu neu, doch Johanna wollte nicht aufgeben. Wenn sie den ganzen Tag brauchen würde, den Prügel zu zerbrechen, dann würde es eben so lange dauern. Ihre Muskeln zitterten, als sie den letzten Rest ihrer Kraft bemühte.
    Und dann hatte sie plötzlich alle Kraft, die sie brauchte. Gabriel griff von hinten über ihre Schultern nach dem Stock und legte seine Hände über ihre. Er wartete auf ihre Erlaubnis. Johanna nickte.
    Der Stock zerbarst in zwei Hälften, und das laute Knacken zerriß die Stille in der Halle wie eine Explosion. Gabriel ließ los und trat zurück. Johanna hielt die beiden Hälften noch einige Sekunden in

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