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Die Stadt im Spiegel: Roman (German Edition)

Die Stadt im Spiegel: Roman (German Edition)

Titel: Die Stadt im Spiegel: Roman (German Edition)
Autoren: Mirko Kovac
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    Mein Vater hat das zweistöckige große Steinhaus in L. geerbt, von acht Kindern war er das Älteste. Im Testament bürdete sein Vater Mato ihm die Pflicht auf, stets im Sinne von Familie und Tradition zu handeln, so wie auch er bereits das Werk seines eigenen Vaters fortgeführt hatte. Von Beruf war er Viehhändler, und wie alle anderen auch vertraute er auf seine Intuition, kaufte bei einer guten Gelegenheit alles, was sich ihm anbot, und vermittelte bei einer anderen Geschäfte an potenzielle Interessenten. Die Nähe zum Meer war für seinen Handel mit Tieren, Fleisch, Kuhfellen, Wolle und Geißhaar mehr als nützlich.
    Im Bezirksarchiv ist der gesamte Besitz von Großvater Mato verzeichnet. Jeden einzelnen Vertrag hat er notariell beglaubigen lassen und seine Steuern immer ordnungsgemäß abgeführt. Als ich das erste Mal einen Blick in das Grundbuch warf, wurde mir klar, dass Belanglosigkeiten für Schriftsteller und Chronisten gleichermaßen bedeutsam werden können, ganz egal wie dürftig sie sind, denn ihre Kraft wirkt immer erdend. Alle, die schreiben, müssen sich das als Faustregel zu Herzen nehmen, ganz besonders jene, die sich schreibend selbst unterwandern, auf diese Weise so weit wie möglich von den eigenen Wurzeln entfernen und sogar allem entkommen wollen, was sie auf irgendeine Art und Weise an ihre Familie und deren Hinterlassenschaften bindet. Dieses Ziel erreicht man selbstverständlich nicht, wenn man es versäumt, gerade die eigenen Leute ganz genau zu beschreiben.(Und doch ist es so eine Sache mit den eigenen Leuten).
    Ich habe mich viele Jahre nur mit anderen befasst. Nun ist es mir wichtig geworden, einen neuen Blick auf mich selbst zu wagen und mich in den dunklen Archiven meiner eigenen Kindheit umzusehen. Ich will also dieses Mal über mich selbst erzählen, aber nicht etwa, weil ich glaube, es wäre von weltumspannender Bedeutung, vielmehr füge ich mich lediglich dem, was sich für mich aus dem Schreiben von allein ergibt, dafür, das weiß ich, muss man vielleicht auch ein bisschen Selbstverliebtheit aufbringen. Sowohl das eine als auch das andere drängt mich in andere Zeiträume zurück, denn ich hatte mir all das bereits schon einmal zur Aufgabe gemacht. Damals habe ich mir mit Ironie weitergeholfen und mir erlaubt, hier und dort die Geschichte und die Tradition offen zu belächeln. Jetzt möchte ich eine andere Perspektive einnehmen, das Ganze ernsthafter aus meiner heutigen Sicht betrachten und mit den Möglichkeiten, die einem nur die Distanz bietet. Mir ist bewusst, dass das Genre der Autobiografie ein durchaus zweifelhaftes ist. Dennoch erscheint mir ein Versuch meinerseits unvermeidlich, weil ich mir vorgenommen habe, alle in mir herumfliegenden Familienbilder blättergleich aufzuklauben. Es sind Bilder aus meinem Erinnerungsalbum, Bilder einer anderen Zeit, die der Vergangenheit angehören und die ich aus den Erzählungen der anderen, vor allem aus den Geschichten meines Vaters kenne. Erst durch ihn sind sie zum Teil meines eigenen Lebens geworden. In diesem Buch werden nahe und ferne Verwandte einander zwangsläufig begegnen müssen. Es sind jedoch allesamt Gespenster. So jedenfalls kommen mir die meisten von ihnen vor. Vor langer Zeit hat einmal jemand gesagt, wenn ich mich nicht irre, müsste es Edgar Allen Poe gewesen sein, dass sich die richtigen Schriftsteller immer nur an Trugbildern abarbeiten, alle anderen Schreiberlinge aber lediglich Beamte der Literatur sind.
    Obwohl ich dieses Buch von Anfang an veröffentlichen wollte, habe ich meinem Manuskript dennoch ein zunächst langes und einsames Schubladendasein verordnen müssen. Als ich einst die letzten Korrekturen übertrug, glaubte ich, das Ganze sei schon ganz und gar fertig. In der Setzerei strich ich dann aber noch zwei große Abschnitte weg, sechs bis sieben Absätze waren es insgesamt. In der Nacht vor der Drucklegung hatte ich einen Traum, der mir zunächst wie eine Vision erschien, sich aber dann allmählich in einen Alptraum verwandelte. Ich träumte, mein Buch sei erschienen und man habe mich in die Setzerei gerufen, um mir die Belegexemplare zu zeigen. Ich hielt das Buch in den Händen, war glücklich, dass es so schön geworden war, aber niemand war bei mir, mit dem ich meine Freude hätte teilen können. Die Grafiker hatten sich um mich versammelt, ihre Gesichter waren mir alle unbekannt. Sie beobachteten mich, sahen auf mein Buch, das ich in meinen Händen hielt, und schienen sich zu fragen, ob

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