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Die Spucke des Teufels

Die Spucke des Teufels

Titel: Die Spucke des Teufels
Autoren: Ella Theiss
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»Das wird ein kluger
Professor gewesen sein, der Herr Vater!«

    Der Müller verzieht keine Miene.

    »Dass der Sohn nicht mal eine Eins und eine Sieben auseinanderhalten
kann!« Der Major grinst von einem Ohr zum anderen, drückt mit dem Gewehrkolben
nach.

    »Lass gut sein, Müller, er wird recht haben und es ist
eine Eins! Ich habe ja die vielen Tartüffeln als Entgelt«, haspelt Lisbeth und
zupft den Müller am Ärmel.

    Der steht wie versteinert, räuspert sich. »Herr Major,
Sie haben Ihr Gewehr auf meinem Fuß abgestellt!«

    »Ach? Bitte vielmals um Pardon.« Das Froschmaul wendet
sich, als sei nichts gewesen, zur Tür, ruft »Abmarsch!« und schreitet hinaus.
    Seine Begleiter schrecken zusammen, nehmen Haltung an und
marschieren im Gleichschritt hinterdrein.

    Als sich am Tisch Empörung Luft macht, schließt Lisbeth
rasch die Tür.

    »Kannste mal sehen, wie die mit uns umspringen«, brummt der
Schmied. »Genau wie früher.«

    »Wednn das der Ködnig wüsste!«, ruft der Emil.

    »Warst mutig, Müller!«, zwitschert die Traute und klatscht
in die Hände. »Habt ihr gesehen, wie das Arschloch ihn traktiert hat?«

    Der Müller zuckt die Achseln und schweigt.

    Lisbeth betrachtet ihn lange. »Danke, Müller!«, sagt sie.

    »Musst mir nicht danken, da stand eine Sieben!«, versichert
der. »Und außerdem«, er grinst wie ein Schelm auf dem Jahrmarkt, »war es mein
taubes Bein.«

    »Sein taubes Bein!«, grölt der Schmied und schlägt sich
mit der Hand an die Stirn. Da bricht Gelächter aus.
    Die zweite Schnapsflasche macht die Runde. Der depperte
Hannes patrouilliert im Gastraum auf und ab mit seinem Holzgewehr auf dem
Rücken.

    »Parademarsch, Parademarsch, der Major hat ein Loch im
Arsch …«, johlt die Versammlung. Die Traute lockert ihr Brusttuch, dass man den
Busenansatz sieht, und rückt dicht an den Müller heran, der sie indes
abschüttelt und zur Klampfe greift, alle Saiten durchprobiert.

    »Paradedmarsch, Loch idm Arsch«, brüllt der Emil, der am
meisten getrunken hat, streckt seinen Hintern in Richtung Tür und lässt einen
gedehnten Furz.
    Lisbeth legt seufzend noch einen Holzscheit in den Ofen.

     
    Als der Abend hereinbricht, ist sie wieder allein.
Der Sack mit den Kartoffeln steht wie ein Mahnmal mitten in der Stube. Lisbeth
zieht die Kordel auf, greift eine der braunen Knollen und betrachtet sie. In
Amerika gibt es Wilde, die so etwas essen. Freiwillig. Und als Hauptnahrung.
Obwohl sie auch Getreide und Bohnen, Möhren und Portulak haben. So erzählt man
sich jedenfalls. Es mag auf der andern Seite des Ozeans Gewürze geben, die man
am Niederrhein nicht kennt. Oder eine besondere Art zu garen. Wenn Lisbeth
darüber Bescheid wüsste, könnte sie die Leibgardisten der Prinzessin
verköstigen, ohne allzu viel dazuzukaufen.

    Sie greift nach einem Messer, säbelt die Kartoffel mitten
durch und schnuppert. Ein beißender Gestank – wie Fäule. Verwesung. Sie
überwindet ihren Ekel, leckt an der Schnittstelle, wo ein milchig schäumender
Saft austritt. Der Geschmack ist noch ärger als der Geruch. Es ist
hoffnungslos! Sie wirft die Kartoffelhälften zum Abfall.

3          Jost

     
    Aus den Aufzeichnungen eines fahrenden Barbiers, datiert
vom Winter 1755, entdeckt 1792 in einer Erdhöhle im Reichswald zu Kleve.

    Mittwoch, 19. November

    Es mag sein, dass Stolz und Selbstachtung einen
Menschen groß und edel machen in seinem Innern, sodass er nicht Almosen noch
geringe Arbeit annehmen sollt, solange er nicht unter die Ärmsten fällt, so lehren
uns manche weisen Männer, doch kommt solcher Rat nur so lange gelegen, wie
einer sich an einen warmen Ofen hocken kann und ein Bett zum Ratzen hat. So viel
weiß ich jetzt, denn was nutzt mir mein Stolz, wenn mir der Nachtfrost in den
Stenz beißt, was nutzt mir meine Selbstachtung, wenn ich alleweil kein Obdach
finde und im Wagen nächtigen muss! Es ist ein wahrlich beschissenes Los, seine
Anstellung eingangs des Winters zu verlieren, und so hätt ich doch, wie mir
geraten war, als Stallbursche weiter für den Grafen von Bentheim-Steinfurth
schuften sollen bis zum Frühjahr, denn dann hätt ich mich wohl mehr plagen müssen
als gewohnt und der Buckel wär mir krumm geworden und der Ekel hätt mich gebeutelt,
wenn ich anstatt mit Tinkturen und feinen Kräutern mit Kuhmist und Jauche hätt
um mich schmeißen müssen, aber ich hätt es doch warm und trocken gehabt und
alle Tage eine warme Mahlzeit. Jetzt könnt ich mir selber in den Arsch

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