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Die Spucke des Teufels

Die Spucke des Teufels

Titel: Die Spucke des Teufels
Autoren: Ella Theiss
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denken.

    »Ist tot, Herr«, sagt der Müller in das Schweigen hinein.
»Vorige Woche gestorben.«

    Lisbeth fasst sich. »Ist tot, Herr, gestorben«,
wiederholt sie.

    »Und wer ist der Erbe dieses Gasthauses?«

    »Ich, Herr, bin seine Witwe.«

    Das Froschmaul zieht ein Papier aus seinem Rock, wickelt
es umständlich auf, reicht es dem links neben ihm stehenden Soldaten, einem
Lulatsch von mehr als vier Ellen. »Lies!«

    Dem Lulatsch hängen die Schultern bis zum obersten
Rockknopf, pflaumenblaue Schatten untermalen seine Augen, Querfalten
zerschneiden seine Stirn. Nur der Flaum auf der Oberlippe verrät, wie jung er
ist.

    »Jawoll, Herr Major Kreutzer!«, kräht er und trägt stockend
vor: »Auf Bee-fehl seiner Majestät des Königs werden ein-quartieret vom 21. auf
den 28. November ein Dutzend Gardisten der Leib-wachee seiner Majestät
Prinzessin AaaamAmalie von Preußen, welcheeer es be-liebt, zum Kur-raufenthalt
in Kleveee zu weilen und Teile deren Garde für ein Manöver im Rei-Reichswald
freizustellen. Die Gardisten sollen näää-chtigen in sau-berem Qua-Quar-tieree
und sollen satt ge-speiset werden mit Tar-Tar-tüffeln, welche von der
Kreisverwaltung im Auf-tragee seiner Majestät angewiesen werden für die Kü-che
des Gasthauses.«

    Der Hüne lässt den Sack von seinen Schultern gleiten und
auf die Dielen donnern.

    »Hat sie dieses kapieret?«, fragt Major Kreutzer,
ergreift das Papier, rollt es zusammen und lässt es hinter seinem Revers verschwinden.

    »Das ja, Herr, nur – was soll ich mit dem Sack tun?«

    »Es sind Tartüffeln darinnen, oder Kartoffeln, wenn sie
dieses besser versteht. Damit sind die Leibgardisten alsdann zu speisen.«

    Vom runden Tisch schwillt Hohn herüber, die Traute giggelt.
Kartoffeln gibt man nicht mal dem Vieh zu fressen.
    Lisbeth verkneift sich jede Gesichtsregung.

    »Hat sie jetzt kapieret?«

    »Ja, Herr Major! Doch wer zahlt mir den Aufwand? Die –
ähm – Tartüffeln allein werden nicht reichen zum guten Essen. Muss sie
wenigstens würzen. Auch muss ich heizen und die Kammern ausstatten, damit die
Garde der Prinzessin mit der Unterkunft zufrieden ist.«

    Der Major nickt knapp. »Zu zahlen sind …«, er entrollt
nochmals sein Papier, »… ein Gulden.« Er stockt, scheint wie Lisbeth an der
Summe zu zweifeln. »Im Voraus!«

    »Es wird heißen sieben Gulden, Herr Major«, flüstert der
Lulatsch.

    »Dummkopf, das ist eine Eins!«, brummt der Alte, rammt dem
Lulatsch den Ellbogen in die Seite, dass er wankt. Dann greift er mit
gespreizten Fingern in einen Lederbeutel, zieht eine Münze heraus und lässt sie
in Lisbeths Hand fallen.

    »Abmarsch!«, kommandiert er und wendet sich zur Tür.

    Lisbeth schießt das Blut in den Kopf. »Bitte, Herr Major!
Ein Gulden, das ist, was ein Tagelöhner für zwei, drei Tage Arbeit bekommt.
Reicht kaum für ihn selbst, seine Frau, wenige Kinder. Wie soll ich von einem
Gulden zwölf Soldaten ernähren – eine Woche lang?«

    Der Major dreht sich erneut um. Grinst milde, als spreche
er zu einem Kind. »Dafür sind die Tartüffeln, Weib!«

    Lisbeth ringt sich ein einfältiges Lächeln ab: »Soll die
Leibgarde nur Tartüffeln essen?«

    »Freilich nicht nur! Auch Fleisch, Eier, Milch – was dann
übrig ist von den Tartüffeln, mag sie verkaufen oder selbst essen. Das ist
Entgelt genug.«

    Der Müller springt auf. »Bitte, Herr Major, vielleicht
ist’s ja doch ein Irrtum. Vielleicht können die Herren Offiziere bei der
Kreisverwaltung nachfragen, ob es nicht sieben Gulden heißen soll.«

    In die Stirn des Majors gräbt sich ein halbes Dutzend waagrechter
Falten. »Wer von den anwesenden Personen ist des Lesens kundig?«, fragt er, den
Männern am Tisch zugewandt.

    Der Müller tritt vor: »Ich, Herr Major.«

    »Schau er hin! Sag er mir, was da steht als Bezahlung!«

    »Ich lese sieben Gulden!«

    »Hat denn die Ziffer einen Strich durch die Mitte, wie eine
Sieben es haben soll?«

    »Das nicht, aber der Balken oben ist waagrecht wie bei einer
Sieben und nicht schräg, wie er bei einer Eins sein müsste.«

    »Wo hat er Ziffern lesen gelernt?«

    »Zu Hause in Wesel, Herr. Von meinem Vater.«

    »Von seinem Vater, he?« Major Kreutzer lacht laut auf.
    Seine Begleiter keckern aus erstarrten Mienen mit. Auch
am Tisch kommt Heiterkeit auf.

    Der Major tritt dicht an den Müller heran, fixiert ihn
aus verengten Augenschlitzen und rammt ihm den Kolben seines Gewehrs auf den
linken Schuh, dorthin, wo der große Zeh sitzen muss.

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