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Die Spucke des Teufels

Die Spucke des Teufels

Titel: Die Spucke des Teufels
Autoren: Ella Theiss
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1          Prolog

     
    Da ist kein Licht. Kein Schimmer! Er schiebt die
Bettdecke zurück und lauscht. Auf Stimmen, auf Schritte, darauf, dass die
Dielen unter Lisbeths Füßen knarren. Nichts. Dabei muss heller Tag sein, das
verrät das Gegacker der Hühner im Hof. Und das Gerumpel der Fuhrwerke auf der
Landstraße. Aber da ist kein Licht. Auch wenn ihn der Star fast blind gemacht
hat, das spürt er. Lisbeth hat die Fensterläden nicht aufgemacht, hat ihn vergessen,
das Miststück!

    »Liiisb…!« Er will rufen, doch die Kiefer kleben aneinander.
Und der Rachen brennt, wie wohl die Hölle brennen wird, die ihn zweifellos
erwartet, wenn man die Pfaffen reden hört. Er hat Blutwurst gegessen, am
Vorabend zu Allerheiligen, wo er hätte fasten müssen. Und am Morgen danach hat
die Erde gebebt, da sind die Schindeln vom Dach gefallen und über dem
Scheunentor ist der Sturz aufgerissen. Fingerbreit klafft er jetzt auseinander,
der Sturz, hat Lisbeth gesagt. Und das Tor lässt sich nicht mehr schließen und
der Mörtel bricht und bröselt.

    Seither auch das Fieber. Wie viele Tage? Zehn? Zwölf? Und
ein Gekotze und ein Gescheiß, dass Gott erbarm! Oben wie unten quillt bröcklige
Jauche aus ihm heraus. Das sei die Strafe der Heiligen, hat Lisbeth gesagt und
kein Mitleid gezeigt, das Aas.

    Es wird schon wieder werden, hat der Doktor gesagt. Die
Erde habe überall gebebt. Nicht nur in Hassum. Sondern am ganzen Niederrhein,
sogar in ganz Westeuropa. Am schlimmsten in Lissabon, wo nicht bloß die
Schindeln von den Dächern, sondern die Glockentürme von den Kirchen gefallen
seien und wo es eine Feuersbrunst gegeben habe und dann eine Flut. Eine
Sintflut, sagt Lisbeth.

    Aber Lissabon ist weit weg. Bettruhe und Haferschleim hat
der Doktor empfohlen. Ab und zu Pastinaken oder Möhren mit Petersilie. Petersilie
hilft immer. Aber keine Wurst, kein Fleisch, keine Milch. Besser Kamillenbrühe.
Dann werde er rasch wieder – gesund? Ha, gesund, das hat der
Doktorvielleicht sagen wollen. Aber einen blinden alten Mann mit
morschen Knochen kann man nicht gesund nennen, auch nicht, wenn er wohlauf ist.
Deshalb hat er geschwiegen, der junge Doktor mit der Stimme von einem
Choralbuben. Was weiß so ein Eumel schon vom Alter!

    Was ist bloß mit dem Laken? Es pappt am Arsch fest, am
ganzen Rücken pappt es und ist dabei sperrig wie Leder. Er tastet es ab. Ein
klebriger Belag bleibt an seinen Fingerspitzen haften. Wachs! Lisbeth hat ihm
eine Wachsplane untergelegt, wie man sie auf Fuhrwerken verwendet, um die Ladung
vor Regen zu schützen. Das Drecksweib, das faule! Will ihn nicht waschen, ihm
die Wäsche nicht wechseln müssen. Will die Matratze vor seinem Kot schützen,
weil sie so teuer war. Von einer Manufaktur in Krefeld hat er sie sich kommen lassen.
Eine gute Matratze mit einer Füllung aus Rosshaar und einem Bezug aus Kattun,
wie für vornehme Leute. Na und! Er ist der einzige Wirt von ganz Hassum und Hommersum!
Seit vierzig Jahren! Die Matratze steht ihm zu. Und wenn er sie vollscheißt,
dann ist das seine Sache. Allein seine Sache!

    »Lisssbe…!« Sein Magen krampft. Klumpiger Brei schießt
ihm durch den Schlund, bricht stinkend durch die Lippen, sickert ins Kissen.
Haferschleim. Immerzu Haferschleim. Und Petersilie. Auch damit kann es des
Guten zu viel sein, oder? Er fingert über den Nachttisch. Da liegen Tücher.
Gebügelt, gefaltet. Wenigstens daran hat sie gedacht, die nichtsnutzige Sau!

    Er nimmt das oberste Tuch, wischt sich das Gesicht ab und
atmet auf.

    Es wird wieder werden, hat der Doktor gesagt. Die Heiligen,
wenn sie sich denn geärgert hätten wegen der Blutwurst, die würden nun
einsehen, dass er genug gestraft war. So hat es der Doktor auch Lisbeth
erklärt, die daraufhin endlich still war mit ihrem Gezeter.

    Er spürt nach seinem Bauch. Der liegt aufgebläht unter
der warmen Decke wie ein Laib Brot im Backofen und scheint endlich Ruhe zu
geben. Nur der After schmerzt wie eine eitrige Wunde. – Ja doch, er wird Buße
tun. Morgen früh wird er sich von Lisbeth zum Trappenboom karren lassen, zu der
uralten Eiche, wo die Heiligen immerzu den armen Sündern erscheinen. Dort wird
er niederknien und beten. Und dann soll ein Heiliger kommen; wenn es sein muss,
sollen alle Heiligen auf einmal kommen. Er wird beichten und Buße tun. Aber dann
muss es auch gut sein!

    Ist er nicht von jeher ein Liebling des Herrgotts? Reich
ist er, das Wirtshaus gehört ihm ganz allein. Ja, er ist blind geworden im
Alter,

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