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Die Spinne (German Edition)

Die Spinne (German Edition)

Titel: Die Spinne (German Edition)
Autoren: Olen Steinhauer
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Es hatte gewisse Anzeichen gegeben, und es war eher ein Ausdruck von Glück als von nachrichtendienstlichem Geschick, dass Erika Schwartz sie rechtzeitig zu einem Gesamtbild zusammenfügen konnte. Zum Beispiel war es keine Selbstverständlichkeit, dass der MAD sie auf die Verteilerliste für den Bericht vom 17. April über Anomalien im EU-Raum setzte – letztlich kam sie nur auf diese Liste, weil der Dienst die Absicht hatte, sie im Gegenzug um die Nutzung einer iranischen Quelle zu bitten. Punkt dreiundfünfzig auf dieser Liste, der sich um einen Vorfall in Budapest drehte, war so unscheinbar, dass man ihn leicht hätte übersehen können. Und tatsächlich übersah sie ihn und musste erst von ihrem Assistenten Oskar Leintz darauf aufmerksam gemacht werden. Er betrat ihr neues, mit großen Fenstern ausgestattetes Büro im ersten Stock des BND in Pullach und klatschte sich den Bericht auf die Handfläche. »Haben Sie die Meldung aus Budapest gelesen?«
    Untypischerweise saß sie gerade mit einem Salat auf dem Schreibtisch da und starrte durchs Fenster hinaus, wo sich knapp über den Bäumen ferne Gewitterwolken zusammenballten. Seit ihrer Beförderung vor zwei Wochen hatte sie sich noch nicht an die Aussicht gewöhnt; davor hatte sie ihr Büro im Erdgeschoss gehabt. Auch an die Ressourcen, die ihr jetzt zur Verfügung standen, hatte sie sich noch nicht gewöhnt, genauso wenig wie an den Gesichtsausdruck der Leute, die beim Betreten ihres Büros erschauerten, weil jetzt plötzlich diese korpulente, griesgrämige Frau an Teddy Wertmüllers Schreibtisch saß. Während der arme Teddy im Gefängnis hockte. »Natürlich habe ich die Meldung aus Budapest gelesen«, antwortete sie. »Welche Meldung meinen Sie?«
    »Sie haben den Salat nicht angerührt.«
    »Welche Meldung aus Budapest, Oskar?«
    »Über Henry Gray.«
    Sicher hatte sie Punkt 53 gesehen, aber der Name hatte ihr nichts gesagt, weil er ihr davor erst einmal begegnet war – in einem anderen Bericht, der von demselben Informanten stammte: von dem Journalisten Johann Thüringer. Nach Oskars Hinweis dämmerte ihr etwas, und sie schlug ihr Exemplar des MAD -Berichts auf.
    53. JT in Budapest. In der Nacht vom 15. April verschwand Henry Gray (amerikanischer Journalist, vgl. Berichte 8/2007 und 12/2007). Seine Geliebte Zsuzsa Papp (Ungarin) behauptet, dass er entführt wurde. Ihr Verdacht: Entweder USA oder China. Kann oder will sich nicht näher dazu äußern.
    »Gray steht in Verbindung zu Milo Weaver.« Oskar strich sich über seinen dünnen Schnurrbart.
    »Nur am Rand«, erwiderte sie. Dann merkte sie, dass sie Salatsoße auf den Bericht gekleckert hatte. Jetzt erinnerte sie sich wieder an Thüringers frühere Berichte. Im August 2007 hatte er gemeldet, dass Mr. Gray vom Balkon seiner Budapester Wohnung gestürzt (worden?) war und im Koma lag. In seinem Bericht vom Dezember 2007 hielt er fest, dass Gray im Krankenhaus aus dem Koma erwacht und kurz darauf verschwunden war. Als Nächstes tauchte ein AP-Korrespondent namens Milo Weaver auf und erkundigte sich nach ihm. Doch er konnte Gray nicht ausfindig machen … bis jetzt zumindest.
    Sie rief einen Bekannten beim ungarischen Amt für Nationale Sicherheit an, dem NBH , doch es lagen keine Aufzeichnungen darüber vor, dass Gray das Land verlassen hatte. Allerdings gab es den Augenzeugenbericht einer alten Dame, die von ihrem Schlafzimmerfenster aus beobachtet hatte, wie eine Person, auf die Grays Beschreibung zutraf, in benommenem (vielleicht betäubtem) Zustand von einem Asiaten (Chinesen?) auf der fünf Minuten von Grays Wohnung entfernten Sas Utca hinten in einen BMW gestopft wurde. Die Zeugin verstand zwar kein Wort, erkannte aber, dass Englisch gesprochen wurde.
    Von Adrien Lambert, ihrem Kontaktmann bei der DGSE , der Direction Générale de la Sécurité Extérieure, erfuhr Erika, dass am Terminal 1 des Budapester Flughafens Ferihegy in der Nacht der angeblichen Verschleppung jemand auf einer plexiglasgeschützten Trage in einen zweimotorigen Privatjet verladen worden war. Die Maschine war auf ein rumänisches Unternehmen mit dem Namen Transexpress SRI zugelassen, einer bekannten Tarnorganisation der CIA . Als Bestimmungsort des Flugs, für den keine Passagiere gelistet waren, war Prag Ruzyn ě angegeben, doch offenbar war die Maschine dort nie gelandet. Verwaltungstechnisch gesprochen war Henry Gray spurlos verschwunden.
    Das kleine Rätsel nagte an ihr, daher rief sie in Köln an und bat um direkten Kontakt

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