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Die Shakespeare-Morde

Die Shakespeare-Morde

Titel: Die Shakespeare-Morde
Autoren: Jennifer Lee Carrell
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    Prolog
    29. Juni 1613
    Vom Fluss sah es aus, als würden
     zwei Sonnen über London untergehen.
    Die eine sank im Westen, ein
     Strahlenkranz aus orange, rosa und golden schimmernden Bändern. Doch
     es war die andere Sonne, die die unruhige Flotte von Booten, Barken, Kähnen
     und Jollen auf die dunkle Themse gelockt hatte: Gegenüber der St.
     Paul’s Cathedral mit ihrem eingestürzten Turm loderte eine
     grimmig glutrote Scheibe, als hätte sie den Horizont verfehlt und wäre
     stattdessen am Südufer der Themse niedergegangen, wo sie zwischen den
     Schenken und Bordellen von Southwark böse züngelnde Flammen in
     die Nacht schoss.
    Freilich war es keine zweite
     Sonne, die dort am Ufer glühte, auch wenn die Männer, die sich für
     Dichter hielten, die trügerische Kunde von Boot zu Boot trugen. Es
     war ein Bauwerk - war eines gewesen. Das berühmteste aller berühmten
     Theater Londons - die aus rohen Balken gezimmerte Arena, der runde Sitz
     der Träume einer ganzen Stadt -, das große Globe höchstselbst
     war es, das dort in Flammen stand. Und ganz London hatte sich auf dem
     Fluss versammelt, um seinen Untergang mit anzusehen.
    Auch der Graf von Suffolk
     hatte sich unter das Volk gemischt. »Da ließ der Herr Feuer
     regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra«, murmelte er, als er
     vom schwimmenden Palast seiner privaten Barke gen Süden blickte. In
     seinem Amt als Oberkammerherr stand er dem königlichen Hofstaat vor,
     und das Drama, das vor seinen Augen über die King’s Men
     hereinbrach - die Theaterkompanie Ihrer Majestät, der nebenbei
     das Globe Theatre gehörte hätte ihn erschüttern sollen.
     Oder wenigstens den Glanz seines Vergnügens trüben. Die beiden Männer,
     die mit ihm unter der seidenen Markise saßen und im Angesicht der
     Katastrophe an ihren Weingläsern nippten, schienen von seiner
     Gelassenheit nicht im Geringsten überrascht.
    Doch ihr Schweigen war
     Suffolk nicht genug. »Ist es nicht herrlich?«, fragte er
     herausfordernd.
    »Kitschig«,
     knurrte sein Onkel, der Graf von Northampton, der trotz seiner weißen
     Mähne und dem vorgerückten Alter von über siebzig Jahren
     eine elegante, schlanke Figur abgab.
    Theophilus Lord Howard de
     Waiden, Suffolks Sohn und Erbe - der jüngste der drei Männer
     beugte sich vor wie ein gieriger junger Löwe, der seine Beute
     beobachtete. »Und am Morgen wird unsere Rache noch heller brennen,
     wenn Mr Shakespeare und seine Kompanie erst die Wahrheit erfahren.«
    Northampton musterte seinen
     Großneffen. »Mr Shakespeare und seine Kompanie, wie du es
     ausdrückst, werden nichts dergleichen erfahren.«
    Einen Augenblick hielt Theo
     dem Blick seines Großonkels regungslos stand. Dann sprang er auf und
     schleuderte seinen Kelch auf den Boden der Barke; Wein spritzte auf die
     safrangelben Livreen der Diener und sprenkelte sie mit dunklen
     Leopardenflecken. »Man hat meine Schwester auf offener Bühne
     verspottet«, schrie er, »keine Altmännerverschwörung
     wird mir meine Satisfaktion verderben.«
    »Mein Lordneffe«,
     sagte Northampton über die Schulter zu Suffolk, »anscheinend
     leiden all Eure Sprösslinge an diesem misslichen Hang zur
     Unbesonnenheit. Keine Ahnung, wo sie das herhaben. Ein Howard’scher
     Zug ist es jedenfalls nicht.«
    Dann wandte er sich wieder an
     Theo, dessen Hand zwanghaft am Griff seines Schwerts zuckte. »Sich
     des Schadens seiner Feinde zu rühmen ist die Rache der Einfältigen«,
     rügte er. »Ein überaus bäuerlicher Zug.« Auf
     sein Nicken reichte ein Diener Theo einen neuen Kelch, der ihn mit wenig
     Anmut entgegennahm. »Viel eleganter ist es, dem Gegner das Mitgefühl
     auszusprechen und ihn zum Dank zu verpflichten -während dieser einen
     Verdacht hegt, den er nicht begründen kann.«
    Im gleichen Moment näherte
     sich ein Einer und legte seitlich an der Barke an. Ein Mann sprang über
     die Reling und glitt auf Northampton zu, das Licht meidend wie ein abtrünniger
     Schatten auf dem Weg zurück zu seinem Herrn.
    »Wenn sich eine Tat
     lohnt, wie unser Seyton wohl weiß«, fuhr Northampton fort,
     »dann lohnt es sich, sie perfekt zu vollbringen. Wer es war, spielt
     dabei eine geringe Rolle. Wer weiß, wer es war, überhaupt
     keine.« Seyton kniete vor dem alten Grafen nieder, der ihm die Hand
     auf die Schulter legte. »Mein Lord Suffolk und mein beleidigter Großneffe
     sind ebenso gespannt auf Euren Bericht wie ich.«
    Der Mann räusperte sich
     leise. Seine

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