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Die Sekte der Engel: Roman (German Edition)

Die Sekte der Engel: Roman (German Edition)

Titel: Die Sekte der Engel: Roman (German Edition)
Autoren: Andrea Camilleri
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ERSTES KAPITEL
    Die Sache mit den Kugeln
    «Wenn die Signori bitte einen Moment Aufmerksamkeit walten lassen wollen», sagte Don Liborio Spartà, der Vorsitzende des Vereins «Ehre & Familie», «ich möchte die Urne öffnen und zur Auszählung der Kugeln übergehen.»
    Das Geplauder der Mitglieder verebbte, bis eine relative Stille im Salon herrschte. Relativ, weil Don Anselmo Buttafava wie gewöhnlich in dem mit Damast bezogenen Sessel, seinem angestammten Platz seit mindestens dreißig Jahren, eingeschlafen war und nun so kräftig schnarchte, dass die Scheiben der Balkontür vor ihm leicht zitterten. Als vor gut zehn Jahren das gesamte Mobiliar des Vereins erneuert worden war, hatte man diesen Sessel zum Behufe seines ausschließlichen Gebrauchs durch Don Anselmo zurücklassen müssen, jeder Einspruch war zwecklos gewesen.
    «Was stinkt denn hier so verbrannt?», fragte Commendator Padalino mit lauter Stimme, als der Vorsitzende die Urne nach umständlichem Hantieren endlich geöffnet hatte.
    «Aha, Sie riechen das auch?», fragte der pensionierte Colonnello Petrosillo den Commendatore.
    «Und ich ebenfalls!», rief Professor Malatesta.
    «Tatsächlich, hier stinkt’s!», pflichteten viele bei.
    Derweil noch alle die Nase rümpften und den Kopf nach rechts und links drehten, um zu ergründen, woher der Rauchgeruch kam, stieß Don Serafino Labianca einen Schrei aus:
    «Don Anselmo qualmt!»
    Alle Blicke richteten sich auf Don Anselmo Buttafava, dem unter fortwährendem Schnarchen der Kopf auf die Brust gefallen war. Und wirklich sah man eine kleine dünne Rauchsäule vom Sessel aufsteigen und sich bis zu den Fresken an der Decke winden, dem Werk der lokalen Berühmtheit Angelino Vasalicò, eines Karrenmalers («Da kann die Sixtinische Kapelle einpacken!», hatte der Bürgermeister Nicolò Calandro seinerzeit erklärt).
    Der erste, der die Ursache für das Rauchzeichen erkannte, war Don Stapino Vassallo, vielleicht weil er der Jüngste unter den Anwesenden war und gute Augen hatte, denn er war erst zweiundvierzig, wohingegen das Durchschnittsalter der anderen um die sechzig lag.
    «Die Zigarre!», rief er aus.
    Und lief zum Damastsessel.
    Don Anselmo war nämlich die Zigarre aus der eingeschlafenen Hand auf seine Hose gefallen, und zwar genau an der Stelle, wo sich gewöhnlich das wertvollste Stück des Mannes befindet. Die Glut hatte sich bereits durch den groben englischen Stoff der Hose gebrannt und griff nun die dicke Wolle der Unterhosen an.
    Während Don Stapino zum Tischchen des Vorsitzenden stürzte, auf dem eine Karaffe mit Wasser stand, ergriff Colonnello Petrosillo, ein Mann der Tat, der sich unverzüglich zwischen Don Anselmos Beine gehockt hatte, schon mit der linken Hand die Zigarre, warf sie auf den Boden und hieb mit der rechten kräftig auf die vom Feuer bedrohten Stellen.
    Vom Schlag aufs Gemächt abrupt aus dem Schlaf gerissen und vor sich den zwischen seinen Beinen knienden Colonnello, missverstand Don Anselmo Buttafava die Situation. Seit längerem schon kursierten im Ort böse Gerüchte über die allzu großen Vertraulichkeiten, die Amasio Petrosillo, der nie geheiratet hatte, dem zwanzigjährigen Sohn seines Feldhüters gestattete. Darum versetzte Don Anselmo, ohne zu überlegen, dem Colonnello einen heftigen Stoß ins Gesicht, so dass dieser rücklings zu Boden fiel. Sodann sprang er aus seinem Sessel auf und lief, wie ein Verrückter schreiend, zum Tisch des Vereinsvorsitzenden:
    «Ich hab’s ja immer gewusst, dass Petrosillo einer von diesen abartigen Perversen ist! Werft ihn sofort aus dem Verein!»
    Der Vorsitzende Spartà versuchte, die Sache zu erklären:
    «Don Anselmo, hier liegt ein Irrtum vor! Sehen Sie, der Colonnello wollte …»
    Doch Don Anselmo, dem wenig bis gar nichts genügte, um zu entflammen wie ein Schwefelholz, schnaubte schon vor Wut und hörte auf gar niemanden mehr.
    «Entweder er geht oder ich!»
    «Aber, Don Anselmo, hören Sie mir doch bitte einen Moment zu …»
    «Dann eben ich!»
    Wütend stieß er gegen die geöffnete Urne, worauf diese zu Boden fiel und alle Kugeln herausrollten, verließ fluchend wie ein Droschkenkutscher den Saal und schloss sich auf der Toilette ein.
    In der nun folgenden allgemeinen Erregung geschahen mehrere Dinge gleichzeitig, der Colonnello brüllte und blutete, da der Stoß ihn empfindlich an der Nase getroffen hatte, der Vorsitzende wollte augenblicklich sein Amt niederlegen, der Sekretär sammelte die über den Boden rollenden

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