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Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (German Edition)

Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (German Edition)

Titel: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (German Edition)
Autoren: Christopher Clark
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DANK
    Am 12. Mai 1916 meldete sich James Joseph O’Brien, ein Viehzüchter aus Tallwood Station im Norden von New South Wales, freiwillig zum Dienst in der Australian Imperial Force (AIF). Nach einer zweimonatigen Ausbildung in Sydney wurde Soldat O’Brien dem 35. Bataillon der 3. Division der AIF zugeteilt und ging an Bord der SS Benalla mit Kurs auf England, wo er eine weitere Ausbildung erhielt. Um den 18. August 1917 stieß er zu seiner Einheit in Frankreich, gerade rechtzeitig, um an den Schlachten des 3. Ypern-Feldzugs teilzunehmen.
    Jim war mein Großonkel. Er war schon seit zwanzig Jahren tot, als meine Tante Joan Prett, geborene Munro, mir sein Kriegstagebuch gab, ein kleines braunes Notizbuch voller Packlisten, Adressen, Instruktionen und merkwürdig lakonischen Tagebucheinträgen. In einem Kommentar zur Schlacht um die Höhe bei Broodseinde am 4. Oktober 1917 schrieb Jim: »Es war eine großartige Schlacht, und ich habe nicht den Wunsch, noch eine zu erleben.« Die zweite Schlacht bei Passchendaele vom 12. Oktober 1917 schilderte er wie folgt:
    Wir verließen das Lager der Einheiten (das in der Nähe von Ypern lag) und brachen zum Sektor Passchendaele der Front auf. Wir brauchten zehn Stunden, um dorthin zu kommen, und wir waren nach dem Marsch völlig erledigt. 25 Minuten nach der Ankunft (um 5.25 Uhr am Morgen des 12.) sprangen wir über die Säcke. Alles ging gut, bis wir ein Sumpfgebiet erreichten, das uns beim Passieren einige Probleme bereitete. Als wir endlich durch waren, war unser Sperrfeuer um ungefähr eine Meile nach vorn verlegt worden, und wir mussten uns sputen, um es einzuholen. Gegen 11 Uhr erreichten wir unser zweites Ziel und blieben bis 16 Uhr dort, als wir uns zurückziehen mussten […]. Nur dem Willen Gottes habe ich es zu verdanken, dass ich davonkam, denn Maschinengewehrkugeln und Schrapnells flogen rings um mich her.
    Jims aktiver Militärdienst endete abrupt am 30. Mai 1918 um 14 Uhr, als er, wie er im Tagebuch schrieb, »eine Bombe aus dem Vaterland stoppte und an beiden Beinen verwundet wurde«. Die Granate war vor seinen Füßen eingeschlagen, hatte ihn in die Luft geschleudert und die Männer um ihn getötet.
    Als ich ihn kennenlernte, war Jim ein verbitterter, gebrechlicher alter Mann, dessen Gedächtnis allmählich nachließ. Er sprach kaum über seine Kriegserlebnisse, aber ich erinnere mich an ein Gespräch, das stattfand, als ich etwa neun war. Ich fragte ihn, ob die Männer, die im Krieg kämpften, Angst gehabt oder sich auf den Kampf gefreut hätten. Er erwiderte, dass manche Angst gehabt und manche sich gefreut hätten. Ob die Eifrigen denn besser gekämpft hätten als die Ängstlichen, wollte ich wissen. »Nein«, sagte Jim, »gerade die Eifrigen machten sich zuerst in die Hosen«. Diese Antwort machte starken Eindruck auf mich und gab mir lange zu denken – vor allem, dass er von »zuerst« sprach.
    Die Gräuel dieses fernen Konflikts ziehen uns noch heute in ihren Bann. Doch das eigentliche Rätsel liegt woanders, nämlich in den undurchsichtigen und verworrenen Ereignissen, die dieses Blutbad heraufbeschworen haben. Bei ihrer Sondierung sind mir so viele geistige Beiträge zugutegekommen, dass ich sie unmöglich alle entgelten kann. Gespräche mit Daniel Anders, Margaret Lavinia Anderson, Chris Bayly, Tim Blanning, Konstantin Bosch, Richard Bosworth, Annabel Brett, Mark Cornwall, Richard Drayton, Richard Evans, Robert Evans, Niall Ferguson, Isabel V. Hull, Alan Kramer, Günther Kronenbitter, Michael Ledger-Lomas, Dominic Lieven, James Mackenzie, Alois Maderspacher, Mark Migotti, Annika Mombauer, Frank Lorenz Müller, William Mulligan, Paul Munro, Paul Robinson, Ulinka Rublack, James Sheehan, Brendan Simms, Robert Tombs und Adam Tooze halfen mir beim Feinschliff meiner Argumentation. Ira Katznelson stand mir bei der Entscheidungstheorie mit seinem Rat zur Seite; Andrew Preston bei entgegengesetzten Strukturen in der Gestaltung der Außenpolitik; Holger Afflerbach bei den Riezler-Tagebüchern, dem Dreibund und einigen Details der deutschen Politik in der Julikrise; Keith Jeffery bei Henry Wilson; John Röhl bei Kaiser Wilhelm II . Hartmut Pogge von Strandmann machte mich auf die wenig bekannten, aber sehr aufschlussreichen Erinnerungen seines Verwandten Basil Strandmann aufmerksam, dem russischen Chargé d’affairs in Belgrad zur Zeit des Kriegsausbruchs. Keith Neilson ließ mir eine unveröffentlichte Studie der Entscheidungsträger an der Spitze des britischen

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