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Die Saga von Thale 03 - Die Hüterin des Elfenfeuers

Die Saga von Thale 03 - Die Hüterin des Elfenfeuers

Titel: Die Saga von Thale 03 - Die Hüterin des Elfenfeuers
Autoren: Monika Felten
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einen kleinen schwarzen Fleck zu, der sich vor dem Hintergrund eines riesigen Schneefelds bewegte. Naemy dachte zunächst, es handle sich um einen der großen Temelin-Adler, die im Hochgebirge lebten, doch dann erkannte sie den Irrtum. Der große Vogel, der dort im Sonnenschein seine Kreise zog, war kein Adler, sondern Leilith, das Riesenalpweibchen, das sie eigenhändig großgezogen hatte - und Leilith war nicht allein. In ihrem Nacken kauerte ein in dicke Pelze gehüllter junger Elf. Den Körper nach vorn gebeugt, hing er schlaff in den Ledergurten, die ihm als Reitgeschirr dienten, und war offensichtlich bewusstlos. Naemy erstarrte. Obwohl sie das Gesicht des Elfen nicht sehen konnte, erkannte sie ihn sofort.
    »Tabor!«, keuchte sie erschrocken und fügte besorgt hinzu: »Bei den Toren, was ist mit ihm?«
    Doch statt zu antworten, schüttelte die Göttin nur stumm den Kopf, hob den Stab, und das Bild des bewusstlosen Tabors wich dem einer felsigen, von kleinen Schneeflecken bedeckten Klamm, an deren Flanke ein einsames Feuer die sternenklare Nacht erhellte. Naemys Blick wanderte sogleich zu dem heimeligen Licht, und wiederum sah sie Tabor, der, in seinen Mantel gehüllt, fröstelnd am wärmenden Feuer saß und suchend zum Himmel aufblickte.
    »Tabor!«, hauchte sie leise. Unzählige Fragen brannten ihr auf der Zunge, doch sie spürte, dass die Göttin ihr noch mehr zeigen wollte, und schwieg.
    Ein letztes Mal wechselte das Bild, und wieder war es Naemy, als flöge sie auf dem Rücken eines Riesenalps. Diesmal erstreckte sich unter ihr ein gewaltiger Gletscher, an dessen Flanken schroffe Felswände viele hundert Längen emporragten. Und inmitten dieser Wände klaffte die gewaltigste Höhle, die Naemy jemals gesehen hatte. Etwas bewegte sich in der Höhlenöffnung, und die Elfe trat näher an den Spiegel heran, um es besser erkennen zu können. Doch die Höhle war zu weit entfernt. Erst als der unsichtbare Vogel dichter heranflog, sah Naemy, was sich in den Schatten verbarg. Vor Erstaunen sog sie scharf die Luft ein.
    Riesenalpe!
    Dutzende der lange als ausgestorben geltenden Vögel drängten sich im Höhleneingang und blickten nach oben, als warteten sie auf etwas.
    »Unglaublich, das sind ja mindestens. . . « Weiter kam Naemy nicht, denn in diesem Augenblick teilte sich die Menge der Vögel, um Platz für drei weitere Riesenalpe zu machen, die soeben im Anflug waren. Einer der Neuankömmlinge war Leilith mit Tabor auf dem Rücken. Und plötzlich wusste Naemy, was die Göttin ihr zeigte: Die Bilder im Spiegel kündeten von Tabors Ankunft in Tun-Amrad, dem sagenumwobenen Riesenalpfriedhof jenseits des Ylmazur-Gebirges. Er hatte es tatsächlich geschafft! Ein heißes Glücksgefühl durchflutete die Nebelelfe, und sie wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln. Der Augenblick des Abschieds kam ihr in den Sinn, jener schmerzliche Morgen, als Tabor mit Leilith von Nimrod aus aufgebrochen war, um sich auf die Suche nach dem legendären Ort zu machen, an dessen Bestehen kaum jemand glaubte. Bereit, sein Leben aufs Spiel zu setzen, hatte er sich gegen Naemys Willen auf den Weg gemacht, in der Hoffnung, jenseits der Berge Überreste von Riesenalpkrallen zu finden, aus denen ein mächtiges magisches Pulver gewonnen werden konnte. Ein Pulver, das für die bedrängten Menschen in Thale, deren Land Opfer eines verheerenden Angriffs finsterer Mächte geworden war, die letzte Hoffnung darstellte.
    Zu gern hätte Naemy gesehen, wie es ihrem Sohn weiter erging, doch die Göttin machte eine kreisende Bewegung, und der Spiegel wurde wieder so dunkel wie zuvor.
    »Du weißt, was die Bilder zeigen?«, fragte sie.
    »Ich denke schon.« Naemy nickte voller Stolz. »Wie es aussieht, ist es Tabor und Leilith tatsächlich gelungen, nach Tun-Amrad zu fliegen. Dort scheint es sogar noch eine Kolonie lebender Riesenalpe zu geben, von denen selbst wir Nebelelfen nichts wussten.«
    »Nicht nur Riesenalpe ...« Die Göttin verstummte, als hätte sie damit schon zu viel gesagt, doch Naemy hing ganz anderen Gedanken nach und bemerkte es nicht.
    »Wird er es schaffen?«, fragte sie hoffnungsvoll. »Wird er dort genügend Krallen für das magische Pulver finden? Wird er Nimrod retten können?«
    »Ja, es gibt dort genügend Krallen«, erwiderte die Göttin ausweichend. »Doch die Herrscher in Nimrod haben nicht alles bedacht. Sie ahnen nicht, dass es viel zu lange dauern würde, die Krallen zu Pulver zu zermahlen. So viel Zeit bleibt

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