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Die Runenmeisterin

Die Runenmeisterin

Titel: Die Runenmeisterin
Autoren: Claudia Groß
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VORSPIEL
    Drei Nornen saßen an einem Brunnen und spannen. Wind sang leis im Geäst der großen Esche, und das Spiegelbild der Sonne war in den Brunnen gefallen. Die erste Norne war jung und frisch wie Morgentau, die zweite prall und rund wie eine Bauersfrau und die dritte runzelig und weißhaarig wie eine Hexe.
    »Ach«, sagte Werdandi, die Pralle, »die Runenmeisterin Sigrun hat eine Tochter bekommen.«
    Die anderen beiden sahen von ihren Spindeln auf.
    »Das in der Vergangenheit verursachte Schicksal …«, murmelte Urd, die Alte, in einem leisen monotonen Singsang.
    »… muß in der Gegenwart gewendet werden …«, fuhr Werdandi fort.
    Und Skuld, die Junge, endete: »… wenn in Zukunft keine Schuld verbleiben soll.«
    Die Sonne zog sich zurück, nur der Wind spielte lautlos mit den Fäden, die am Spinnrad hingen. Urd stand auf. »Wir müssen die Runen legen und sehen, was das für ein Mensch wird, diese Tochter der Runenmeisterin.«
    Werdandi lachte. Sie war eine fröhliche Norne, denn nichts belastete sie, weder was sein würde, noch was gewesen war – sie war die Gegenwart. Sie war der Augenblick, der immer wieder neu entsteht und immer wieder sogleich vergeht.
    Urd aber trug tausend Jahre auf ihren Schultern, die sie beugten und an ihren Gliedern zerrten, denn sie war die Vergangenheit.
    »Die Geburt war schwer«, sagte sie, während Skuld ihr half, auf die Beine zu kommen. »Es wollte sich nicht senken, und Sigrun hat nur mit Hilfe der Gebärrunen das Kind zur Welt gebracht.«
    »Unsinn«, schalt sie Werdandi ärgerlich. »Das war mein Werk. Ich wollte, daß dieses Kind auf die Welt kommt. Sigrun ist alt, und die Christen sind ihr auf den Fersen, so wie der Fuchs die Spur einer Gans wittert. Skuld weiß, wovon ich spreche, denn sie ist die Zukunft.«
    Skuld sah zum Himmel hinauf. Schwere Wolken zogen von Norden auf, die Regen und Gewitter bringen würden. Das Land war trocken und sehnte sich nach kühlen Schauern.
    »Laßt uns die Runen werfen«, sagte Skuld. »Dann weiß ich, wovon du sprichst.«
    Urd nahm einen roten Beutel vom Boden auf, breitete ein weißes Tuch über den Rasen und leerte den Beutelinhalt darauf. Achtzehn runde Kieselsteine fielen auf das weiße Tuch, jeder von ihnen mit einer Rune versehen, die die Götter eingeritzt hatten.
    Die drei Nornen setzten sich im Kreis um das Tuch herum und betrachteten, was das Orakel zu sagen hatte. Sieben der Steine waren verdeckt, sie lagen mit dem Gesicht nach unten, elf Runen waren sichtbar geblieben. Davon lagen drei auf dem Kopf.
    »Das Kind ist ein Wesen der Wanen«, sagte Werdandi. »Sein Element ist das Wasser, und seine Göttin ist Freya. Es wiegt nicht allzuviel, denn die schwere Geburt hat ihm kaum Luft zum Atmen gelassen. Dennoch wird es überleben.«
    Skuld nickte. »Ja, das wird es. I SA und H AGALAZ sind seine stärksten Runen. Es wird in Einsamkeit aufwachsen, weil Sigrun es so will, und sie wird ihm aus Vorsicht einen lateinischen Namen geben: Rosalie. Aber wenn die Runenmeisterin stirbt, wird das Kind den Christen übergeben.«
    »So«, brummte Urd düster. »Und wer wird dann Runenmeisterin?«
    Skuld sah der Vergangenheit eine Zeitlang stumm in die müden Augen. Urd war eine zänkische Natur, weil sie nicht viel zu sagen hatte, denn wo Gegenwart und Zukunft bestimmen und zu Werke gehen, da kann die Vergangenheit nur die Last des Geschehenen tragen. Urd konnte nichts bestimmen, sie hatte nur zu schleppen, Bürden wie Zentnerlasten, die sie verwaltete und zu den Göttern zurückschickte. Sie verstand nicht, daß es Menschen gab, die die Götter verachteten und zerstörten, so wie es die Christen taten.
    »Es wird keine Runenmeisterin mehr geben«, meinte Skuld lakonisch. »So einfach ist das.«
    Die ersten Regentropfen fielen. Sie tropften auf die Kieselsteine und färbten sie dunkel.
    »Das Kind besitzt das Wissen der Runen«, fuhr Skuld fort und beugte sich ein wenig über das Tuch. »Aber es wird es kaum anwenden können. Und etwas, das nicht gebraucht wird, vergeht. Das Wissen wird zu dir kommen, Orel, und du wirst es in eine Truhe stecken und sorgsam verwahren, bis eine Zeit herangekommen ist, wo die Menschen sich wieder erinnern und fragen werden: Wie war das mit den Runen und den alten Göttern? Wer waren die Wanen und die Asen und die Disen, ja, sie werden auch fragen, wer wir waren. Wer waren die Nornen? Dann wirst du deine Truhe öffnen und ihnen kostbarere Schätze geben können, als je ein König besessen hat. Dann liegt

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