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Die Risikoluege

Die Risikoluege

Titel: Die Risikoluege
Autoren: Klaus Heilmann
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Ein Appell
    »Wir lügen hier doch alle!« Allgemeines Erstaunen, als ich diesen Satz im Fernsehen in die Runde einer Talksendung warf, zu der ich aus Anlass der Nuklearkatastrophe von Fukushima als Risikoexperte gebeten worden war. Doch statt der von mir erwarteten Empörung kam nur betretenes Schweigen. Ich sagte diesen Satz, weil mir im Verlauf der Sendung klar wurde, dass jeder in der Runde mit seinen Äußerungen ganz bestimmte Absichten verfolgte, also nur das sagte, was für seine Botschaften günstig, und das verschwieg, was ihnen abträglich war. Die schweigende Reaktion der Experten interpretierte ich damit, dass jedem vermutlich klar war, dass es für ihn das Beste sei, meine Bemerkung unkommentiert im Raum stehen zu lassen.
    Um aber von den Fernsehzuschauern nicht falsch verstanden zu werden, präzisierte ich meine Äußerung, indem ich erklärte, was ich unter Lügen hier verstand: Das Unter- und Übertreiben, Bemänteln und Beschwichtigen, Verschleiern, Vertuschen und Verschweigen, das Beschönigen und Belobigen. Also jedes bewusste und zweckorientierte Abweichen von der Wahrheit.
    In der folgenden Zeit wurde ich immer wieder auf meine Äußerung angesprochen, was mich schließlich dazu gebracht hat, dieses Buch zu schreiben. Ich habe ihm den Titel »Die Risikolüge« gegeben, wird uns doch tagtäglich vor Augen geführt, wie die Risiken in unserem Leben Anlass
für Lügen werden und sie ein jeder zu den von ihm verfolgten Zwecken einsetzt.
    Die Katastrophe von Fukushima hat außer Leid, Not und Zerstörung keine neuen Erkenntnisse gebracht, aus denen man zur Vermeidung weiterer Unglücke dieser Dimension lernen könnte. Alles war bekannt, das ist das Deprimierende.
    Dass die großen Industriekatastrophen der Vergangenheit, deren Folgen wir in menschlichem Leid und Umweltzerstörung auch nach Jahrzehnten noch begegnen, bei den Verantwortlichen in Industrie und Politik so wenig geändert oder sie zumindest zu einem Innehalten veranlasst haben, sollte uns nachdenklich, ja, wütend machen. Mich jedenfalls tut es das!
    Und nicht erst nach Fukushima stelle ich mir die Frage, ob man in Wissenschaft und Technik alles, was machbar ist, auch machen darf. Ob Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern eigentlich bewusst ist, was sie alles nicht wissen und in Gang setzen, obwohl sie es nicht beherrschen. Auch frage ich mich, ob die Politik in essenziellen Fragen der Nation Entscheidungen treffen darf, ohne uns Bürger überhaupt zu fragen. Vor allem aber, ob die Wirtschaft ihren Machthunger und ihre Profitgier auf unsere Kosten weiter befriedigen darf, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ob also die Wahrheit gegenüber der Lüge vollends auf der Strecke bleiben muss.

    Bei kritischem Verfolgen der Ereignisse und Entwicklungen werden mir wohl die meisten darin zustimmen, dass man der Wahrheit heute kaum noch irgendwo begegnet, dass wir Bürger von allen Seiten belogen werden. Weder Wissenschaftler, Techniker und Wirtschaftler noch Politiker
und Journalisten sind von diesem meinem Vorwurf ausgenommen.
    »Klärt uns endlich auf!«, fordert der Dramatiker Botho Strauß in einem Aufsatz in der FAZ und fordert von den politisch Handelnden »Vernunft, klare Worte und wahre Aufklärung«.
    Wut gibt es nicht nur bei uns. In Frankreich ruft der dreiundneunzigjährige Stéphane Hessel, Widerstandskämpfer, Diplomat und Mitunterzeichner der Charta der Menschenrechte, seine Landsleute zum friedlichen Widerstand gegen die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft auf: Empört Euch, heißt seine Schrift, die auch bei uns 2011 zum Bestseller wurde.
    »Etwas ist faul im Staate Dänemark«, heißt es bei Shakespeare, »Fuck you Washington« bei dem amerikanischen Journalismusprofessor Jeff Jarvis, einem der bekanntesten Blogger der USA. Wegen der anhaltenden Schuldenkrise seines Landes und der Unfähigkeit der Parteien, sie zu lösen, platzte ihm der Kragen und stellte er mit dem Satz »Hey, Washington assholes, it’s our country, our economy, our money, stopp fucking with it« die politische Elite per Twitter an den Pranger. Zehntausende schlossen sich ihm an, wütend darüber, dass es die Abgeordneten angesichts der ernsten Finanzlage des Staates nicht vermochten, über ihre parteipolitischen Schatten zu springen.
    Und schon einen Tag später folgten auch deutsche Internetnutzer ihrem Beispiel und machten bei Twitter ihren Unmut über die Unfähigkeit von Regierung und Politik unter »Fick dich Berlin« Luft.
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