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Die Prophezeiung der Seraphim

Die Prophezeiung der Seraphim

Titel: Die Prophezeiung der Seraphim
Autoren: Mascha Vassena
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1
    Paris, Juli 1789
    V on St. Médard hatte es schon vor geraumer Zeit zwei Uhr geschlagen, aber Fédéric war nirgendwo zu sehen. Julie trat vor dem Brunnenhaus an der Rue Pot-de-fer von einem Fuß auf den anderen. Sie hasste es, warten zu müssen, und Fédéric wusste das genau. Ebenso wusste er, dass Julie heute Geburtstag hatte. Sie kniff die Augen zusammen und reckte den Hals, aber im Gedränge der Rue Mouffetard war es unmöglich, jemanden auszumachen, wenn er nicht genau vor einem stand.
    »Obacht, Jungfer!« Eine Frau mit schmutzigem Schultertuch schob Julie zur Seite und hielt einen Eimer unter das Wasserrohr. Julie wandte sich von ihr ab, um dem Gestank nach billigem Wein auszuweichen. Wo blieb dieser verflixte Kerl?
    Sei nicht immer so ungeduldig! Die Worte formten sich in ihrem Kopf, und sie sah nach unten. Songe strich um Julies Knöchel und schnurrte auf eine Art, die eindeutig belustigt klang.
    Und wo warst du, Songe? Etwa auf Mäusejagd?, entgegnete Julie. Seit sie sich erinnern konnte, war die weiße Katze immer bei ihr gewesen, und von Beginn an hatten sie sich auf ihre eigene, stille Weise verständigt, sogar noch bevor Julie sprechen gelernt hatte. In diesem Moment erreichte sie eine Aufwallung von Abscheu. Als gäbe Songe sich dazu her, Mäuse zu jagen!
    Fédéric ließ noch immer auf sich warten, und Julie murmelte: »Der soll sich nur nicht einbilden, dass ich mir die Beine in den Bauch stehe.« Doch gerade als sie sich in den Menschenstrom einreihen wollte, legte sich eine Hand auf ihre Schulter.
    »Da bin ich schon!« Vor ihr stand Fédéric, völlig außer Atem. Sanftes, salbeigrünes Leuchten, durchsetzt mit helleren Streifen umgab ihn. Er war demnach bester Laune.
    Lange Zeit hatte Julie geglaubt, jeder wäre fähig, den farbigen Lichtkranz um andere Menschen herum wahrzunehmen. Wenn sie jedoch die Farben ihren Spielkameraden gegenüber erwähnt hatte, war sie nur verspottet worden, und so hatte sie mit der Zeit aufgehört, darüber zu sprechen. Auch ihren Eltern gegenüber schwieg sie. Aber während andere Leute zuerst auf Mund, Augen oder Hände achteten, um ihr Gegenüber besser einschätzen zu können, sah Julie an den jeweiligen Lichtfarben, was die Menschen in ihrer Umgebung fühlten. Wenn sie jemandem nah genug kam, konnte sie dessen Stimmung sogar spüren. Bisher kannte sie nur einen Menschen, der keine Lichtaureole besaß – und das war sie selbst.
    »Mein Vater hatte wieder mal Lust, Maulschellen zu verteilen; dafür war meine Anwesenheit nötig.«
    Fédérics schiefes Grinsen ließ Julies Zorn zerstäuben, und nur mit Mühe konnte sie ihm einen schmollenden Blick zuwerfen, ein Kniff, den sie erst kürzlich entdeckt hatte.
    »Das ist eine ziemlich gute Entschuldigung«, gab sie zu.
    »Tausendfachen Dank, Euer Gnaden!« Fédéric verneigte sich und streckte ihr etwas entgegen, das in einen Fetzen Zeitungspapier gewickelt war. »Herzlichen Glückwunsch zum Fünfzehnten, du Hüpfer!«
    »Bild dir bloß nichts ein, nur weil du zwei Jahre älter bist.« Julie ließ das Papier in die Gosse flattern und hielt Fédérics Geschenk hoch. Ausnahmsweise wusste sie einmal nicht, was sie sagen sollte.
    »Wo hast du die gestohlen, Fédéric Guyot?« Ihre Augen konnten sich nicht daran satt sehen, wie sich die Sonne in den blauen Steinen brach, die an einer silbernen Kette hingen.
    »Na los, leg sie um.« Fédéric lachte, in seinen Augen blitzten winzige Silbersplitter.
    Julie zog ihr Amulett, das einzige Schmuckstück, das sie bisher besessen hatte, unter dem Schultertuch hervor. Sie trug diesen ovalen Anhänger aus schwarzem Stein, seit sie denken konnte. Ihre Mutter hatte ihr eingeschärft, ihn nie abzulegen, weil er sie vor Unheil bewahre. Und obwohl Julie inzwischen an solche Albernheiten nicht mehr glaubte, überkam sie ein ungutes Gefühl, als sie sich nun die Kette über den Kopf zog und stattdessen Fédérics Geschenk anlegte. Das Amulett steckte sie in die Rocktasche.
    »Rizinus und Mäuseköttel, du siehst wie eine Prinzessin aus!«, rief Fédéric.
    »Herzlichen Dank, Monsieur Guyot!« Julie stellte sich auf die Zehenspitzen und schlang ihre Arme um Fédérics Hals, doch auf einmal wusste sie nicht mehr, ob sie ihn küssen sollte, und ließ die Arme wieder sinken. Sie sahen sich in die Augen, und Julie fühlte ihr Gesicht heiß werden. Einige Momente verstrichen in einer verlegenen Stille, die es bisher nicht zwischen ihnen gegeben hatte, dann ergriff Fédéric ihre Hand.
    »Los,

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