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Die Poison Diaries

Die Poison Diaries

Titel: Die Poison Diaries
Autoren: Maryrose Wood
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Kapitel 1
    I ch erwache wie jeden Morgen zum Klang von Weeds Stimme. Während ich schlafe, flüstert sie mir ins Ohr, wie raschelndes Laub. Wie der Wind, der durch die Baumwipfel fährt, säuselt sie durch meine Träume. Meine Haut wird warm, mein Atem beschleunigt sich. Die Erinnerungen kommen mir ungebeten in den Sinn.
    Es ist noch früh im Jahr, noch bevor ich krank wurde. Weed und ich machen einen unserer langen Spaziergänge über die weiten grünen Felder Northumberlands. Er erzählt mir seltsame Geschichten, eine nach der anderen, von einer Welt, in der Pflanzen sprechen können und alles Leben gleich viel wert ist: das der Menschen, der Tiere und der Pflanzen.
    Ich lache, weil mir seine Geschichten wie Märchen vorkommen. Er wendet sich mir mit ernstem Gesicht zu, und ich sage ihm, was ich denke.
    »Märchen? Die Bäume sehen das anders.«
    »Aber es sind doch nur Geschichten – selbst für die Bäume, nicht wahr? Schau, hier ist ein schöner Platz für ein Picknick. Was meinst du?«
    Wie naiv ich damals war. Wie sehr ich mich irrte, in so vielen Dingen.
    Ich dachte, Liebe sei eine seltene Orchidee, die nur eine einzige Knospe trägt. Einmal erblüht, blüht sie ein Leben lang.
    Ich dachte, dass der Tod meiner Mutter vor so vielen Jahren das Schlimmste gewesen sein musste, was das Leben für mich bereithalten würde.
    Ich dachte, mein Vater würde mich vor allem Bösen beschützen.
    Habe ich mich auch in Weed getäuscht? Jedes Mal, wenn ich Atem hole, sauge ich seinen erdigen Geruch ein. Reglos liege ich auf meinem Bett, allein in meinem Turmzimmer. Die Sommerbrise schwebt durch die offenen Läden herein, und ich fühle die Zartheit seines Kusses.
    Als ich ihn das letzte Mal sah, lag ich im Sterben. Mein Geist flog mit dunklen Schwingen, und ich blickte auf meinen eigenen, von unendlichen Qualen geschüttelten Körper nieder, als würde er einem Fremden gehören. Ich hatte Albträume, Visionen von einem Prinzen, der mir Gift einflößte, der mir schmeichelte und mich folterte, der mir blutige und unvorstellbar grausame Szenen zeigte – Grausamkeiten, die mein Vater begangen hatte.
    Mein Herz hämmert noch immer, wenn ich an diese Höllenträume denke. Ich glaubte nicht, dass ich sie überleben würde. Manchmal wünschte ich mir sogar zu sterben.
    Immer mehr Erinnerungen ziehen mir durch den Sinn, während die Morgensonne an meinen Augenlidern zupft. Weed, der auf meiner Bettkante sitzt und versucht, mir Medizin zwischen die Lippen zu träufeln. Der mir die Stirn trockentupft. Der mich voller Liebe und Verzweiflung betrachtet, mit Tränen in den smaragdgrünen Augen.
    Dann war er fort. Er verlor die Hoffnung und verließ mich. Sein Glaube war nicht stark genug, um bis zum Schluss bei mir zu bleiben. Er ließ mich im Stich, als es am Schlimmsten um mich stand. Das behauptete zumindest mein Vater, nachdem mein Fieber endlich gefallen war und ich keuchend und schreiend wieder ins Leben zurückkehrte, wie bei einer zweiten Geburt.
    »Er ist weg, und von mir aus kann er bleiben, wo der Pfeffer wächst. Er ist ein Feigling und ein Betrüger. Du bist nicht das erste Mädchen, das von einem Schurken zum Narren gehalten wird. Trag deine Schande schweigend und ohne Groll; vermähle dich mit deiner Arbeit und vergiss ihn, denn du wirst ihn nie wiedersehen.« Vater sprach mit kalter Stimme und nicht ohne einen zufriedenen Unterton.
    Natürlich darf ich nicht alles glauben, was Vater sagt. Aber Weed ist fort, das kann ich nicht leugnen. Ich habe kein Wort mehr von ihm gehört, und jetzt neigt sich der Sommer bereits dem Ende zu.
    Ich strecke mich und drehe mich unter dem kühlen Leinentuch herum, mit dem ich mich bedecke. Ich bewege meine Glieder träge und gähne, wie eine Katze. Geht es mir gut? Das ist schwer zu sagen. Doch ich bin stärker als früher. Ich bin nicht mehr so vertrauensselig, nicht mehr so unschuldig und naiv. Ich habe manchmal Gedanken, die ich mir noch vor kurzem kaum zugetraut hätte. Und ich habe Fähigkeiten, die ich mir nie erträumt hätte.
    Ich habe meines Vaters Platz als Heiler eingenommen. Es musste sein. Vater ist zu beschäftigt – oder zu gleichgültig gegenüber den Hilfesuchenden, die wie früher seinen Beistand suchen. Dank meines Wissens über Pflanzen fiel es mir nicht schwer, die Rezepturen für die grundlegenden Heilmittel und Therapien zu erlernen. Viel mehr braucht ein Heiler auch nicht. Ein Fieber ist mehr oder weniger genauso wie das andere. Das Gleiche gilt für Husten

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