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Die Pilgerin

Titel: Die Pilgerin
Autoren: Iny Lorentz
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in den Besitz der freien Reichsstadt Tremmlingen zu setzen, und begriff, welche Gefahr heraufzog. Unter Kaiser Ludwig, dem Bayern, war es den Bayern für kurze Zeit gelungen, Tremmlingen zu beherrschen. Zum Glück hatte Kaiser Karl IV. die Reichsfreiheit der Stadt wiederhergestellt. Gürtlers häufiger Kontakt mit einem Vasallen des bayerischen Herzogs ließ Sebastian jedoch befürchten, dass Herzog Stephan wie seine Vorgänger plante, die Stadt seinem Machtbereich einzugliedern.

III.
    Unbeleckt von politischen Verwicklungen, Gerüchten und Mutmaßungen hatte Tilla nacheinander die drei Hauptkirchen aufgesucht und ihre Gebete gesprochen. In der Apostelkirche, die neben anderen Jüngern des Herrn auch dem heiligen Jakobus geweiht war, hatte sie eine Kerze aus Bienenwachs gestiftet, allerdings nur eine kleine, denn sie besaß nicht viel Geld. Dafür aber brannte deren Flamme wunderschön und würde dem Heiligen sicher gefallen. Tilla nahm es als Zeichen, dass der Himmel ihr Flehen erhören würde. Immerhin zählte ihr Vater noch nicht zu den alten, zahnlosen Greisen, denn er hatte erst vor kurzem sein fünfundfünfzigstes Jahr vollendet und konnte gut und gerne noch ein Jahrzehnt oder sogar zwei erleben.
    Zwei altersgebeugte Frauen, die eben in das Kirchenschiff traten und zu ihren Bänken schlurften, ließen Tilla hochschrecken. Sie bemerkte, dass sie in Gedanken versunken gewesen war anstatt zu beten, und schämte sich ein wenig. Nun hatte sie sehr viel Zeit in den Kirchen verbracht und das Wohlbefinden ihres Vaters darüber vergessen. Wahrscheinlich würde er schon ganz elend auf ihre Hilfe warten, dachte sie und machte sich Vorwürfe. Ilga würde ihn bestimmt nicht so gut versorgen, wie es nötig war, denn die junge Magd scheute vor dem Kranken zurück, und die alte Ria hatte nicht mehr die Kraft, ihren Herrn aufzurichten oder andere Handreichungen zu machen.
    Von Gewissensbissen getrieben schoss Tilla hoch und schritt so schnell, wie es die Würde des Ortes zuließ, auf das Portal zu. Erst, als sie einen Torflügel halb aufgestoßen hatte, erinnerte sie sich daran, dass sie weder das Knie gebeugt noch in das Weihwasserbecken gegriffen hatte. Sofort trat sie einen Schritt zurück und holte das Versäumte nach. Noch während sie mit den nassen Fingern die Stirn berührte, hastete sie zur Tür hinaus und stieß mit einem Passanten zusammen, der es nicht weniger eilig hatte als sie.
    Sein Griff bewahrte sie vor einem Sturz. »Danke!«, murmelte sie und wollte weiterlaufen.
    Der Bursche hielt sie jedoch fest. »Tilla? Du hast wohl für deinen Vater gebetet.«
    Jetzt erst erkannte sie ihr Gegenüber. »Sebastian! Bei Gott, was trägst du denn für ein Gewand?«
    »Gefällt es dir? Das ist der letzte Schrei aus Italien! Die Skizze stammt von einem Geschäftsfreund meines Vaters. Ich habe sie Meister Nodler gezeigt, und er hat mir daraufhin diesen Prachtrock geschneidert.« Sebastian war der leicht schockierte Ton in Tillas Stimme entgangen, denn er ließ sie los und drehtesich einmal um die eigene Achse, damit sie ihn von allen Seiten betrachten konnte.
    »Hat dieser Geschäftsfreund auch die Farben vorgegeben?«, fragte Tilla.
    »Nein, die habe ich mir selbst ausgesucht. Weißt du, Rot steht mir besonders gut!« Sebastian sah Tilla dabei so freudestrahlend an, dass sie eine spöttische Bemerkung hinunterschluckte. Rot kleidete ihn auch gewiss nicht schlecht, aber in Maßen. Rote Strümpfe und ein roter Umhang hätten noch angehen können, sich aber von Kopf bis Fuß in diese Farbe zu kleiden, tat den Augen jedes Betrachters weh. In Tillas Augen hätte ein schlichteres Gewand Sebastians gutes Aussehen besser unterstrichen. Einige ihrer Freundinnen bezeichneten ihn als besonders schmucken Burschen und mehr als eine von ihnen hoffte, der Bürgermeister würde eines nicht allzu fernen Tages als Brautwerber zu ihrem Vater kommen.
    Auf Tilla wirkte er jedoch wie ein junger, tapsiger Hund, der noch Pfützchen macht und dafür schwanzwedelnd um Verzeihung bettelt. Sein Gesicht, das von brünetten Locken umrahmt war und mit seinen dunkelblauen Augen fast mädchenhaft weich wirkte, verriet zu viel von seinen Gedanken. Ein Mann sollte sich besser beherrschen können, fand sie und fragte sich, wieso zwei Söhne des gleichen Paares so verschieden sein konnten. Sebastians Bruder Damian sah nicht besonders gut aus, wirkte aber sehr männlich und war ein ausgezeichneter Kaufmann, dem Tillas Vater mehr als einmal höchstes Lob gezollt

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