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Die Pforten der Ewigkeit

Die Pforten der Ewigkeit

Titel: Die Pforten der Ewigkeit
Autoren: Richard Dübell
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1.
CASTEL FIORENTINO, APULIEN
     

     
    Manchmal – zu ganz seltenen Gelegenheiten – tauchte das vorwurfsvolle Gesicht des Mannes, den er ermordet hatte, vor dem inneren Auge Graf Rudolfs von Habisburch auf.
    Oh, getötet hatte er viele Männer, und auch einen Anteil an Frauen und Kindern. Wer Schlachten schlug und Städte eroberte, konnte nicht immer einhalten, wenn ihm jemand vor die Klinge lief, der eigentlich unschuldig war. Aber kaltblütig ermordet hatte er bislang nur einen Menschen. Hugo von Teufen hatte versucht, ihn ins Straucheln zu bringen auf dem Weg zur Macht. Hugo hatte es bereut, aber da war es zu spät gewesen, weil seine Eingeweide sich bereits auf dem Boden vor ihm gekräuselt hatten und das Leben durch seine verkrampften Finger rann. Danach hatte Graf Rudolf sich unter den Schutz des Hauses Hohenstaufen stellen müssen. Natürlich hatte der Kaiser nicht erfahren, wer der wirkliche Mörder Hugos gewesen war; Rudolf hatte die Schuld auf Hugos Verwalter geschoben, einen entfernten Verwandten des Hauses Habisburch, und so getan, als schütze er den Mann aus Familienräson. Den Verwalter hatte danach niemand mehr zu Gesicht bekommen, und der Kaiser war auf die vermeintlich noble Geste Rudolfs hereingefallen.
    Warum fiel ihm jetzt Hugo von Teufen wieder ein? Ach ja – weil er liebend gern das eine oder andere Gesicht um diese essensbeladene Tafel herum so gesehen hätte wie zuletzt Hugos Fresse: vor Entsetzen verzerrt, während um ihn herum das Blut eine stinkende Lache bildete. Er musterte die Männer verstohlen: Berardo de Castagna, die alte Schildkröte, auf deren Gesicht immer noch Spuren der Erleichterungstränen zu sehen waren; Riccardo de Montenero, die vertrocknete Bohnenstange; Manfredo, der grinsende junge Trottel; direkt neben ihm noch so ein nassforscher Jüngling, Hertwig von Staleberc, einer von denen, die den Kram glaubten, den ihnen Sangesvögel wie jener Wolfram ins Ohr trällerten, von wegen edlem Rittertum und der Suche nach dem heiligen Gral … und all die anderen verfluchten Idioten, die sich freuten, weil der Kaiser dem Tod erneut ein Schnippchen geschlagen zu haben schien. Er hasste sie alle.
    Und er, Rudolf IV. Graf von Habisburch, Kyburc und Lewinsten, Landgraf von Turgovia? Er musste sich mitfreuen, weil das Überleben des Kaisers bedeutete, dass noch nicht alles verloren war, dass er den Kaiser würde überreden können, ihm den Schutz seines Geheimnisses anzuvertrauen. Des Geheimnisses, das über den Fortbestand des Reichs entscheiden würde – und aus wessen Haus der neue Kaiser stammte. Graf Rudolf hatte keine Schwierigkeiten zuzugeben, dass Letzteres ihm am meisten am Herzen lag.
    Rudolf war überzeugt, dass der nächste Kaiser ein Banner mit einem flammendroten Löwen tragen müsse. Ebenso überzeugt wie damals, als er gewusst hatte, dass Hugo von Teufen aus dem Weg geräumt werden müsse.
    »Es ist Gottes Wille«, flüsterte der Erzbischof von Palermo. »Unser Herr und Freund Federico ist der vom Herrn Gesalbte, der Jahrtausendkaiser. Auch der König von Frankreich hat sich auf seine Seite gestellt, kaum dass er aus dem Heiligen Land zurück war, und Rom die Schuld am Scheitern seines Kreuzzugs gegeben. Der König von England hat dem Papst sogar Asyl verweigert.«
    Rudolf starrte missmutig auf die Brotscheibe vor sich auf dem Tisch. Einer der Dienstboten huschte herbei und legte ihm ein weiteres safttriefendes Stück Braten vor. Rudolf hatte keinen Appetit, aber er hatte Lust, seine Zähne in Fleisch zu schlagen und es vom Knochen zu zerren und zu zerbeißen, um seinen Zorn abzureagieren.
    »Der Papst weiß selbst, dass er am Ende ist«, erklärte Riccardo de Montenero. »Sonst hätte Innozenz IV. nicht die Friedensverhandlungen angeboten, zu denen wir unterwegs waren, bevor der Kaiser von der Krankheit befallen worden ist …«
    »Von der Gottes Güte ihn jetzt hat genesen lassen«, warf Berardo de Castagna ein.
    »Dank sei dem Herrn«, sagte eine brüchige Stimme.
    Alle sprangen auf. Der Kaiser stand am Eingang zum großen Saal, seinen Kammerdiener an der Seite. Rudolf fühlte beinahe so etwas wie Bestürzung. Federico lächelte, doch er sah schrecklich aus, das Gesicht hager und zerknittert; die Darmkrämpfe hatten Falten in seine Mundwinkel gekniffen, und das blonde Haar war fast vollkommen ergraut. Er hatte sich in dickes Fell gehüllt wie ein fröstelnder alter Mann. Die anderen hatten seinen Verfall die letzten Wochen über miterlebt und waren weniger

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