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Die Parallelklasse - Ahmed ich und die anderen - Die Luege von der Chancengleichheit

Die Parallelklasse - Ahmed ich und die anderen - Die Luege von der Chancengleichheit

Titel: Die Parallelklasse - Ahmed ich und die anderen - Die Luege von der Chancengleichheit
Autoren: Patrick Bauer
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1.
    Die Angst der Kartoffeln
    Als ich Ahmed nach zehn Jahren wiedersehe, will er mir Drogen verkaufen. Wir treffen uns zufällig in einem großen Park, in dem es mehr Dealer gibt als Bäume. Er lehnt am Gitter des Fußballkäfigs, in dem wir früher oft spielten. Ich drehe gerade eine Jogging-Runde.
    »Ey, brauchst du was zu rauchen«, fragt er.
    »Nein, danke«, keuche ich und bleibe stehen.
    »Ich kann auch was Härteres besorgen!«
    »Ahmed, ich bin’s, Patrick!«
    Ahmed spuckt auf den Kiesweg, schaut sich um, geht einen Schritt zurück hinter eine Hecke.
    Er flüstert: »Du bist jetzt kein Bulle, oder?«
    »Sehe ich so aus?«
    »Ja, Alter!«
    Ich trage ein weißes T-Shirt, eine kurze Hose, Laufschuhe. Ahmed betrachtet meine dünnen, weißen Beine. Er trägt eine Bomberjacke, darunter ein Muskelshirt, und eine lilafarbene Karottenhose, die er am Ende in weiße Tennissocken gesteckt hat. Das ist in dieser Ecke von Berlin die Uniform von Jungs wie Ahmed. Von harten Jungs und von Jungs, die hart sein wollen. Ahmeds Haut sieht aus wie gegrillt. Der Berliner Rapper Bushido, dessen Mutter aus Franken und dessen Vater aus Tunesien stammt, hat dieser Uniform eine Hymne namens »Sonnenbankflavour« gewidmet, er reimt darin: »Der Sonnenbankflavour, die künstliche Bräune, du kannst sie alle holen, komm, ich fick deine Freunde.« Bushido beschreibt damit auch gleich, wie freundlich dieser Kleidungsstil wirken soll: überhaupt nicht.
    »Obwohl«, sagt Ahmed, »du siehst nicht aus wie ein Bulle, eher schwul!« Er lacht. Sein Lachen ist ein heiseres Glucksen, wie damals. »Ahmed, lach nicht so frech«, hatte Frau Schach immer gesagt und musste dann selbst lachen. Dem schmächtigen Ahmed mit der Zahnlücke konnte man nichts übel nehmen, erst recht nicht, wenn er so gluckste. Ahmed ist nicht sehr groß geworden, dafür muskulös, die Zahnlücke hat er noch. »Krass«, sagt er und breitet seine Arme aus, »schön, dich zu sehen!« Ahmed und ich waren mal Freunde. Von der ersten bis zur sechsten Klasse. Im Jahr 1990 wurden wir eingeschult. Die Mauer war gerade geöffnet worden und in den Supermärkten rund um die Grundschule gab es keine »Smarties« mehr, weil die Menschen in den ausgebleichten Jeans, die über den nahe gelegenen Grenzübergang strömten, ganz verrückt nach »Smarties« waren. Ahmed und ich mochten »Smarties«, deshalb mochten wir die Menschen in den ausgebleichten Jeans nicht. Das vereinte uns.
    Als ich Ahmed das letzte Mal sah, waren wir beide 16. Ich wollte damals wirklich etwas zu rauchen kaufen, war aber zu schüchtern, Ahmed anzusprechen, der mit einigen älteren Jungs im Park stand, die so aussahen, als hätten sie Rauchbares im Angebot. Es hat sich viel verändert seit diesem Tag. Bestimmt auch in Ahmeds Leben. Nur der Fußballkäfig, neben dem er steht, ist noch immer derselbe.
    »Wir haben uns lange nicht gesehen«, sage ich.
    »Wo hätten wir uns denn sehen sollen«, fragt Ahmed.
    Er sagt auch, dass er kein Dealer sei, aber ein Bekannter von ihm verkaufe dort hinten, wo die Schwarzen nicht den Drogenhandel kontrollieren, Haschisch. Manchmal helfe er dem Bekannten bei der Kundensuche. Ahmed spricht dann Jogger wie mich an, bleiche Heranwachsende oder Väter mit Kinderwägen. Denn: »Jede Kartoffel will kiffen!«
    »Kartoffeln« hat Ahmed die Deutschen schon in der ersten Klasse genannt. »Wie soll ich euch sonst nennen, ihr esst doch immer nur Kartoffeln, jeden Tag«, sagte er, das hätte ihm auch sein älterer Bruder Abdul bestätigt, und der habe schon einige Kartoffeln kennen gelernt. Ich protestierte, denn bei mir zuhause gab es meistens Nudeln. Aber wenig später kamen aus Italien Gnocchi nach Deutschland, und ich liebte Gnocchi. In eines dieser Poesiealben, die jeden Tag herumgereicht wurden, schrieb ich »Knockie« unter die Rubrik »Leibspeise«. »Was sind denn Knockie«, fragte Ahmed. Ich erklärte, das seien kleine Klöße, die man wie Nudeln zum Beispiel mit Tomatensoße esse, die aber aus Kartoffeln und Mehl hergestellt werden. Ja, ich war manchmal ein altkluges Kind. »Sogar eure Nudeln sind aus Kartoffeln«, schrie Ahmed begeistert und gluckste darüber noch Wochen später.
    Nun, im Park, sagt Ahmed, habe er genug Zeit, die Kartoffeln mit dem Haschisch, und seinen Bekannten mit den Kartoffeln glücklich zu machen, denn er habe gerade keine Arbeit. »Ich bin viel zu Hause bei meiner Frau und meiner Tochter. Und manchmal hier.« Nachdem er zwei Afrikanern mit wenigen Handzeichen

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