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Die Nebel von Avalon

Titel: Die Nebel von Avalon
Autoren: Marion Zimmer Bradley
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PROLOG
    Morgaine erzählt…
    Zu meiner Zeit hat man mir viele Namen gegeben: Schwester, Geliebte, Priesterin, weise Frau und Königin. Jetzt bin ich wirklich eine weise Frau geworden. Und vielleicht kommt eine Zeit, in der es wichtig ist, daß all diese Dinge bekannt werden. Aber ich glaube, die nüchterne Wahrheit wird sein, daß die Christen das letzte Wort haben.
    Denn die Welt der Feen entschwindet immer weiter, treibt ab von der Welt, in der die Christen herrschen. Christus ist nicht mein Feind, aber seine Priester, die die Große Göttin einen bösen Geist nennen. Sie leugnen, daß die Macht über diese Welt einmal in ihren Händen lag. Wenn überhaupt, so sagen sie, kam ihre Macht vom Teufel. Oder sie kleiden sie in das blaue Gewand der Maria aus Nazareth – die auf ihre Weise tatsächlich auch Macht besaß – und behaupten, sie sei immer eine Jungfrau gewesen. Aber was kann eine Jungfrau von Leid und Mühsal der Menschen wissen?
    Jetzt, nachdem die Welt sich verändert hat und Artus – mein Bruder, mein Geliebter, der König, der war und der König, der sein wird – tot ist (das einfache Volk sagt, er schläft) und auf der Heiligen Insel Avalon ruht, soll die Geschichte erzählt werden. Die Welt soll erfahren, wie es war, ehe die Priester des Weißen Christus in das Land kamen und alles unter ihren Heiligen und Legenden begruben. Wie ich gesagt habe, die Welt selbst hat sich verändert. Es gab eine Zeit, in der ein Reisender, wenn er den Willen besaß und auch nur ei
nige der Geheimnisse kannte, mit seinem Boot auf den Sommersee hinausfahren konnte und nicht im Glastonbury der Mönche ankam, sondern auf der Heiligen Insel Avalon. Damals trieben die Pforten zwischen den Welten in den Nebeln und waren in beide Richtungen offen – wie der Reisende es dachte und wollte. Es ist das große Geheimnis, das in unserer Zeit jeder Wissende kannte: Die Menschen schaffen die Welt, die uns umgibt, durch das, was sie denken, jeden Tag neu.
    Die Priester glauben, dies verkleinere die Macht ihres Gottes, der die Welt ein für allemal unveränderlich geschaffen hat, und haben die Tore geschlossen (die nur in der Vorstellung der Menschen Tore waren). Heute führt der Weg nur noch zur Insel der Mönche, die sie mit dem Läuten ihrer Kirchenglocken schützen. So vertreiben sie alle Gedanken an eine andere Welt, die in der Dunkelheit liegt. Sie sagen sogar, daß jene Welt – wenn es sie überhaupt gibt – dem Teufel gehört und daß die Pforten zur Hölle führen – vielleicht sei diese Welt sogar die Hölle selbst, behaupten sie…
    Ich weiß nicht, was ihr Gott möglicherweise geschaffen oder nicht geschaffen hat. Entgegen der Geschichten, die verbreitet werden, wußte ich nie viel über ihre Priester. Ich habe auch nie das schwarze Gewand ihrer Sklavinnen, der Nonnen, getragen. Wenn man an König Artus
'
Hof in Camelot es vorzog, mich für eine Nonne zu halten (denn ich trug immer die dunklen Gewänder der Großen Mutter in ihrer Erscheinung als weise Frau), so habe ich den Irrtum nie aufgeklärt. Gegen Ende von Artus
'
Herrschaft wäre es sogar gefährlich gewesen, dies zu tun. Klugerweise beugte ich das Haupt, wie meine Große Meisterin Viviane, die Herrin vom See, es niemals getan hätte. Einst war sie – abgesehen von mir – König Artus
'
beste Freundin und wurde dann seine größte Feindin – auch das abgesehen von mir.
    Aber der Kampf ist vorbei. Als Artus im Sterben lag, konnte ich ihm nicht mehr als meinem Feind und dem Gegner meiner Göttin gegenübertreten, sondern nur noch als dem Bruder und als einem Sterbenden, der die Hilfe der Mutter braucht – denn dahin gelangen am Ende alle Menschen. Das wissen selbst die Priester mit ihrer ewig jungfräulichen Maria in dem blauen Gewand – auch sie wird für die Kirchenmänner in der Stunde des Todes zur Mutter der Welt. Und so hielt ich schließlich Artus' Kopf in meinem Schoß. Er sah in mir weder die Schwester noch die Geliebte, auch nicht die Feindin, sondern nur die weise Frau, die Priesterin, die Herrin vom See. Er ruhte an der Brust der Großen Mutter, von der er bei seiner Geburt kam und zu der er am Ende wie alle Menschen zurückkehren mußte. Vielleicht bereute er unsere Feindschaft, als ich die Barke lenkte, die ihn davontrug – dieses Mal nicht zu der Insel der Mönche, sondern zu der wahrhaft Heiligen Insel in der dunklen Welt hinter unserer Welt – zur Insel Avalon, wohin außer mir nur noch wenige gelangen können.
    Im Verlauf dieser Geschichte

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