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Die Nacht gehört dem Drachen (German Edition)

Die Nacht gehört dem Drachen (German Edition)

Titel: Die Nacht gehört dem Drachen (German Edition)
Autoren: Alexia Casale
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aus, als wollte sie mich stützen.
    »Bitte sei vorsichtig, Liebes. Ich möchte nicht, dass deine Finger bluten. Also sieh zu, dass du dich nicht für ein Nadelkissen hältst«, sagt Amy.
    Ich kann nichts erwidern, weil ich mich darauf konzentriere, meinen rechten Fuß auf die Stufe zu hieven und den linken nachzuziehen. Ich wuchte den rechten auf die nächste Stufe, dann wieder den linken, halte mich am Geländer fest, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ich bin nach der Operation immer noch sehr steif. Onkel Ben meint, das sei eine Nachwirkung der Betäubung. Und die Fäden sind auch nicht gerade eine Hilfe. Zum Glück bin ich sie in zwei Tagen los. Ich kann es kaum erwarten.
    Ich muss auf halbem Weg verschnaufen. Amy steht geduldig hinter mir und berührt mich sanft am Ellbogen. Vor ein paar Jahren hätte ich mich noch erschrocken. Jetzt nicht mehr. Nach fast vier Jahren kann ich spüren , dass es Amy ist. Sogar der kleine Teil von mir, der sich in Abständen immer noch vor eingebildetem Blödsinn fürchtet, weiß, dass es Amy ist. Also erschrecke ich nicht und drehe mich noch nicht einmal um, um nachzusehen. Stattdessen mag ich das Gefühl ihrer Hand – weich, kühl –, und außerdem erinnert es mich daran, dass sie da ist, wenn ich Hilfe brauche.
    Als ich endlich oben bin, gehe ich langsam durch den Flur und lasse die Finger dabei über die Türen des großen Schranks am Ende der Treppe gleiten, über die Wand, die Badezimmertür, den Türrahmen meines Zimmers. Bei meinem Bett geht die ganze Prozedur von vorn los, nur umgekehrt: Ich drehe mich um, setze mich auf die Bettkante, rutsche zurück und stütze mich mit der rechten Hand ab, während ich mich umdrehe und die Beine auf das Bett hieve. Amy schlägt mein Kopfkissen aus, während ich mich auf die Seite und schließlich auf den Rücken lege. Sie deckt mich zu und stellt die Flasche mit dem Drachen auf den Nachttisch. Danach reicht sie mir die Fernbedienung für die Stereoanlage.
    »Ruf bitte, wenn du mich brauchst«, sagt sie und küsst mich auf den Kopf. »Ich hole dich, sobald das Abendessen fertig ist.«
    Bevor sie zur Tür hinausgeht, dreht sie sich noch einmal lächelnd nach mir um.
    Ich seufze – natürlich vorsichtig – und schalte die Anlage ein. Ich habe Sophie im Schloss des Zauberers eingelegt. Hörspiele füllen die abendliche Stille viel besser als Musik, sie verhindern, dass ich an Dinge denke, die ich lieber vergessen würde. Wenn ich einen schlechten Tag erwische, spreche ich die Sätze des Hörspiels im Stillen nach, um die eingebildeten Geräusche, Stimmen und Dinge auszublenden; dann konzentriere ich mich ganz auf die Sätze, bis kein Raum für etwas anderes bleibt, bis die unguten Gedanken ermüden und verfliegen. Es kommt vor, dass ich beide Seiten der Kassette hören und sie noch ein zweites Mal einlegen muss, bevor das endlich geschieht.
    Heute Nachmittag jedoch nicht. Heute Nachmittag denke ich nur an den Drachen und höre die Geschichte mit halbem Ohr. Ich dämmere langsam ein. In meinem Zimmer ist es warm, und die Decke ist kühl. Draußen scheint immer noch die Sonne, und der Drache steht direkt vor mir auf dem Nachttisch.
    Beim Erwachen fühle ich mich benommen und verwirrt, steif und erhitzt. Ich reibe meine Augen mit den Fäusten und werfe die Decke ab. Im nächsten Moment zucke ich zusammen, weil ich so herzhaft gähne, dass die Wunde schmerzt. Muss mich vorsehen, wenn ich gähne oder seufze!, ermahne ich mich selbst. Ich bin noch müde und fühle mich so unwohl und gereizt, als hätte ich in einem überheizten Zimmer geschlafen. Ich wälze mich langsam aus dem Bett, stecke das Fläschchen mit dem Drachen in die Tasche meines Bademantels. Draußen scheint noch die Sonne, ich kann also nur eine gute Stunde geschlafen haben, aber Amy wird trotzdem zufrieden sein.
    Als ich durch den Flur schlurfe, höre ich unten die tiefen Stimmen von Paul und Onkel Ben, und der Gedanke, Onkel Ben die vielen Schuppen zu zeigen, die ich geschnitzt habe, hebt meine Laune ein wenig.
    Doch als ich den Fuß auf die erste Treppenstufe setze, höre ich Paul sagen: »… den ganzen Nachmittag beim Anwalt.« Ich bleibe stehen.
    »Unfassbar, dass sie die Sache nicht weiterverfolgen! Man sollte meinen, dass sie sich in einem solchen Fall richtig ins Zeug legen.«
    Amy sagt etwas, das ich nicht verstehe.
    »Ja, ich weiß «, faucht Paul gereizt. » Ihnen ist angeblich keine Schuld nachzuweisen. Ständig das dumme Gerede von einem Mangel an

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