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Die Nacht gehört dem Drachen (German Edition)

Die Nacht gehört dem Drachen (German Edition)

Titel: Die Nacht gehört dem Drachen (German Edition)
Autoren: Alexia Casale
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Schule gibt es ein Buch mit dem Bild eines Drachen. Ob wir ihn so schnitzen könnten? Seine Gestalt ist allerdings sehr verschlungen.«
    »Wir sollten uns das Bild wenigstens anschauen«, sagt Onkel Ben zuversichtlich. »Wir finden sicher eine Vorlage.«
    Schuppen sind extrem schwierig – richtige Feinarbeit. Ich steche mir immer wieder mit dem sonderbaren Werkzeug, das Onkel Ben mir geborgt hat, in den Finger. Es sieht aus wie die Dinger, mit denen Zahnärzte hantieren, aber ich habe Onkel Ben nicht danach gefragt; ich will lieber nicht wissen, wozu es normalerweise benutzt wird. Amy war sauer auf Onkel Ben, weil sie das Werkzeug gefährlich findet, aber er hat sie bezirzt. Wie üblich. Aber diesmal gelang es ihm erst, nachdem er ihr geschworen hatte, dass das Werkzeug nagelneu und noch nie in der Nähe irgendwelcher Leichen gewesen sei. Sie kommt trotzdem immer vom Keksebacken aus der Küche, um nach mir zu schauen, die Hände voller Mehl. Wenn sie nicht bald saugt, wird sich das Mehl im Teppich festtreten.
    Ich habe den ganzen Tag an den Schuppen gearbeitet – es ist inzwischen fast fünf Uhr –, aber nur den Schwanz des Drachen geschafft. Der Schwanz ist super. Die Spitze sieht aus wie das Pik-Symbol eines Kartenspiels. Und er hat jede Menge Zacken auf dem Rücken. Natürlich nur kleine, aber der Knochen ist nicht so glatt, wie ich erwartet hatte. Er ist vermutlich deshalb nicht mehr zusammengewachsen, weil er schon zu stark beschädigt war, aber daran mag ich jetzt nicht denken. Stattdessen stelle ich mir den Drachen vor.
    Obwohl noch Ferien sind, brachte Miss Winters gestern das Buch mit dem Bild eines chinesischen Drachen vorbei. Sie gab vor, nur das Buch abliefern zu wollen, aber ich wusste schon, dass mehr dahintersteckte, noch bevor sie erwähnte, dass ich die ersten drei Schulwochen des zweiten Halbjahrs verpassen würde.
    Sie bot mir an, einen Abend in der Woche vorbeizukommen, damit ich mit dem Stoff nicht zu sehr ins Hintertreffen gerate. Ich finde das toll, denn sie ist mit großem Abstand meine Lieblingslehrerin, aber ich ahne, dass es nicht nur um Nachhilfe geht. Im Augenblick bin ich jedoch zu sehr mit dem Drachen beschäftigt.
    Zuerst musste der Knochen trocknen, und danach übernahm Onkel Ben die ersten Schnitzarbeiten. Um ehrlich zu sein, hat er die ganze Gestalt grob vorgeschnitzt. Er konnte den Drachen nicht so verschlungen gestalten wie auf dem Bild, aber er bekam kleine Füße hin. Und weil der Knochen an einer Stelle dicker ist, ließ er es dort so aussehen, als würde sich der Drache winden. Außerdem ist der Knochen von Natur aus leicht geschwungen.
    Und wenn ich Schuppen und Augen und alles andere fertig habe – Onkel Ben meint, es müssten Schlitzaugen sein, weil Drachen an Schlangen oder Katzen erinnern –, dann wird er wunderschön sein. Was meinen Wunsch, er wäre echt, noch weiter befeuert.
    Ich bin immer wieder versucht, darum zu beten, dass er sich in einen echten Drachen verwandeln möge, aber dann tue ich es doch nicht. Mein Widerwille ist zu groß. Ich werde nie wieder beten, egal worum.
    Amy kommt aus der Küche, um zum hundertsten Mal nach mir zu sehen. »Und? Wie läuft’s?«, fragt sie und wischt die nassen Hände an der Schürze ab.
    Ich seufze – vorsichtig. Ich gewöhne mich langsam an die Fäden. »Es dauert.«
    »Mach doch eine kurze Pause. Du könntest dich ins Bett legen und etwas Musik hören.«
    In Wahrheit möchte sie, dass ich ein bisschen schlafe. Aber sie ist immerhin so nett, mich nicht ausdrücklich dazu aufzufordern.
    Ich gähne unwillkürlich. Sie lächelt, und ich grinse und lege Werkzeug und Drache auf den Tisch. Dann richte ich mich auf. Ich habe gerade die Steppdecke von den Beinen gezogen, da steht Amy schon neben mir, und ihre Besorgnis erinnert mich daran, dass ich mich nicht ruckartig bewegen darf. Also stemme ich mich mit dem rechten Arm hoch, schwinge die Füße auf den Boden, rutsche nach vorn und komme auf die Beine. Ich richte mich erst ganz auf, nachdem ich sicher auf beiden Beinen stehe. Amy hebt die Decke auf.
    »Bringst du mir den Drachen?«, frage ich. »Das Werkzeug brauche ich nicht. Ich möchte nur den Drachen mitnehmen«, füge ich hinzu, bevor Amy vorschlägt – nur ein Vorschlag –, dass ich mich besser ausruhen sollte.
    »Und deine Finger?« Sie folgt mir dicht auf den Fersen, die Decke über dem Arm und die Glasflasche mit dem Drachen fest in der linken Hand. Als wir die Treppe erreichen, streckt sie die rechte Hand

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