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Die Nacht am Strand: Roman (German Edition)

Die Nacht am Strand: Roman (German Edition)

Titel: Die Nacht am Strand: Roman (German Edition)
Autoren: Anita Shreve
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lächerlich
überqualifiziert war oder von denen sie keine Ahnung hatte: Sekretärin in der Mikrobiologischen
Abteilung der Harvard Medical School (überqualifiziert); Assistentin eines Kunsthändlers
in dessen Galerie in der Newbury Street (keine Ahnung). Sie war dankbar für diese
Jobs, für die Möglichkeit, sich treiben zu lassen und zu gesunden, aber in letzter
Zeit fragt sie sich, ob diese seltsame und unproduktive Zeit in ihrem Leben vielleicht
langsam zu Ende geht.
    »Sie müssen die Nachhilfelehrerin sein.«
    »Und wer sind Sie?«
    »Ben. Das dort auf der Veranda ist Jeff.«
    »Danke für das Badetuch.«
    »Sie sind wirklich gut im Bodysurfen.«
    Sydney merkt, dass es ihr gar nicht recht ist, dass ihre Trauer vergeht.
Als sie trauerte, fühlte sie sich Daniel innig verbunden. Aber mit jedem Tag, der
verstreicht, entfernt er sich weiter von ihr. Wenn sie jetzt an ihn denkt, dann
weniger an den Mann als an die verlorenen Möglichkeiten. Sie hat seinen Atem, seine
Muskulatur vergessen.
    »Sie haben also auf die Anzeige geantwortet?«
    »Ja.«
    Sydney legt sich das bubblegumrosa Badetuch um die Schultern. In der
Ferne, auf der Veranda, kann sie einen Mann erkennen, der von einem Stuhl aufsteht.
Er stützt sich mit den Händen aufs Geländer.
    »Sind Sie Lehrerin?«
    »Nein. Im Augenblick bin ich eigentlich gar nichts.«
    »Tatsächlich.«
    Sydney kann dieses Tatsächlich nicht deuten.
Abfällig? Enttäuscht? Neugierig?
    Sydney hat einen flüchtigen Eindruck von hellerem Haar, einem schmächtigeren
Körper. Der Mann namens Jeff kommt die erste Treppe von der Veranda zum Plankenweg
herunter, und ein paar Sekunden ist er außer Sicht. Als er auf der Sonnenterrasse
wieder erscheint, kann sie erkennen, dass er eine Badehose und ein dunkelblaues
Polohemd trägt.
    Jeff wartet am Kopf der Treppe auf sie. Sydney macht zuerst mit seinen
Füßen Bekanntschaft (in abgetragenen Segelschuhen), dann mit seinen Beinen (leicht
gebräunt, hell behaart) und schließlich mit der verwaschenen Badehose (graustichig
mit violetten Flecken; vor einer verhängnisvollen Wäsche mit Bleiche vermutlich
dunkelblau). Er tritt zurück, um ihnen Platz zu lassen, und man macht sich, etwas
schwierig auf dem engen Raum, miteinander bekannt. Aus Sydneys Nase beginnt Salzwasser
zu tropfen. Sie gibt Jeff die Hand, die eiskalt sein muss.
    »Wir haben viel von Ihnen gehört«, sagt Jeff.
    Sydney ist enttäuscht. Sie hat mehr erwartet.
    Jeffs Gesicht ist unverkrampft und offen, der Blick der grünen Augen
unschuldig. Sydney sagt sich, dass es kaum möglich ist, in seinem Alter und unschuldig
zu sein, aber nun ja. Der Hund der Familie, Tullus (eine Abkürzung von Catullus?)
trottet den Plankenweg herunter und setzt sich direkt unter Jeffs Hände. Das bestätigt
ihren Eindruck. Tiere spüren so etwas immer.
    »Hey«, sagt Jeff und beugt sich zu dem Golden Retriever hinunter, um
ihn liebevoll zu kraulen.
    Mr. und Mrs. Edwards und Julie treten auf die Veranda hinaus, eine intakte
Zelle. Ben schließt Julie in die Arme und wiegt seine Schwester hin und her. Der
Teaktisch ist mit sechs Gläsern Eistee gedeckt. Jeff nimmt ein Glas und reicht es
lächelnd Sydney. Ihr fällt auf, dass er, wie sein Bruder und seine Schwester, bemerkenswert
ebenmäßige Zähne hat, und sie vermutet dahinter viele Tausende für kieferorthopädische
Behandlung. Sydney, deren Mutter kaum in der Lage war, an regelmäßige Kontrolluntersuchungen
zu denken, hat ein unvollkommenes Lächeln mit einem leicht schräg stehenden Eckzahn
als Hauptmerkmal.
    Ben hat braune Augen wie seine Mutter. Jeff schlägt seinem Vater nach,
findet Sydney.
    Sydney lehnt sich ans Geländer und zieht das Badetuch fester um sich.
Ihre Haare, denkt sie, sehen vom Salzwasser wahrscheinlich aus wie ein grausiges
Gewirr gorgonischer Schlangenlocken.
    Mrs. Edwards, die vorher unterkühlt wirkte, benimmt sich lebhaft mit
ihren Söhnen. Auf der Veranda ist sie besitzergreifend, keinen Moment in Ruhe, kann
die Hände nicht von ihren Söhnen lassen. Sie möchte als die vollkommene Mutter gesehen
werden. Nein, sagt sich Sydney, sie möchte Sydney wissen lassen, dass ihre Söhne
ihre Mutter am meisten lieben.
    Ben, fünfunddreißig, ist in Boston im Unternehmensgrundbesitz-Management
tätig. Jeff, einunddreißig, ist Professor für Politologie am Massachusetts Institute
of Technology. Das ist es, was Sydney über die Brüder weiß. Sie erwartet eigentlich,
dass diese Fakten auf der Veranda noch einmal präsentiert werden,

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