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Die Melodie des Todes (German Edition)

Die Melodie des Todes (German Edition)

Titel: Die Melodie des Todes (German Edition)
Autoren: Jørgen Brekke
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P ROLOG
    E ine Fliege balancierte mit angelegten Flügeln über die Klinge.
    Wie macht sie das nur?
    Wenn er jetzt die Axt umdrehte und zuschlug, würde er sie in zwei Teile zerlegen. So sie denn sitzen bliebe. Aber das taten Fliegen ja nie. Nicht wie er, der jeden Tag vor dem Flügel hockte, hinter sich seinen Vater, den Taktstock in der Hand, den er einmal von einem Dirigenten bekommen hatte, der viel berühmter war als er. Wie sehr dieser Stock auf den Fingern brannte!
    Ich verspiele mich so oft, weil ich die Musik nicht wie er in den Fingern habe, dachte der Junge.
    Er blätterte gerne in den Noten. Sah sich die Bilder und Figuren an, die es darin gab, all die Geheimnisse, geschrieben in einer Sprache, die er nur zur Hälfte verstand. Dabei achtete er peinlich darauf, es seinen Vater nicht merken zu lassen, wenn er sich in die Noten vertiefte. Um seinen Träumen nicht noch mehr Nahrung zu geben, ihm Hoffnung zu machen, sodass er noch grausamer wurde.
    Die Finger. Die Axt. Die Fliege.
    Er blies sie weg und sie schwirrte in Richtung der Deckenbalken davon. Dann drehte er die Axt um und starrte auf die Kerben im Hauklotz, als er die Finger spreizte. Seine rechte Hand lag auf der unebenen Fläche. Er war Linkshänder und wollte nicht die Finger verlieren, die er am dringendsten brauchte. Deshalb zielte er auf die beiden kleineren Finger der rechten Hand. Die waren am wenigsten wichtig. Aber er musste richtig treffen, nicht zu weit oben, nicht zu weit unten. Wenn er nur die Fingerkuppen abtrennte, nützte ihm das nichts. Er konzentrierte sich und schlug zu.
    Die Axt traf unmittelbar unterhalb des mittleren Gelenks der beiden Finger. Das Erste, was ihn erreichte, war das Ge räusch. Ein trockenes Knacken wie von den Möhren unter dem Messer der Mutter. Danach spielte sich ein Stummfilm ab. Zwei Finger flogen im hohen Bogen von dem Hauklotz auf den feuchten Garagenboden und tanzten wie Gummifinger herum. Erst als sie liegen blieben, spürte er die glühende Hitze in seiner Hand.
    Dann hörte er seinen Vater von draußen.
    »Wenn du mit dem Blödsinn fertig bist und endlich Klavier zu spielen bereit bist, darfst du wieder reinkommen.«
    Die Garagentür ging auf.
    Der Vater blieb wie erstarrt stehen und sah ihn an. Sein Gesicht war versteinert wie das einer Büste, dann öffnete sich sein Mund zu einem Schrei.
    Sein Vater hatte endlich verstanden.
    In der Stille, die dem Schrei folgte, ging der große Mann zu Boden. Er selbst stand vollkommen ruhig da und sah das Blut zu Boden tropfen. Rhythmisch wie das Spiel auf den Tasten. Endlich machten seine Finger Musik.
    Die Finger. Das Blut. Der Boden.
    Endlich hatten die schrecklichen Stunden an dem Klavier ein Ende.

T EIL 1

1
    Stockholm, 1767
    C hristian Wingmark sah von den Würfeln in seiner Hand zu der Fliege auf der Stirn des Uhrmachers. Sie kroch lang sam gegen den Uhrzeigersinn im Kreis. Zwischen ihnen stapelten sich die Münzen. Mehr als hundertsieben Reichs taler. Nur das hatte jetzt noch Bedeutung. Würfelte er mit den drei Würfeln mehr als neun Augen, gehörte das Geld ihm. Dann läge ein besseres Leben vor ihm. So eine Chance bot sich einem Spielmann und Luftikus wie ihm, der ein ärmliches, stinkendes Leben gewohnt war, nur am Spieltisch.
    Die Leute umringten sie, er aber konzentrierte sich einzig auf den alten Hofuhrmacher, der auch schon bessere Zeiten erlebt hatte. Jean Fredman saß mit ausdruckslosem Gesicht da, als hätte er längst alle Hoffnung aufgegeben. Früher hatte er einmal die Verantwortung für die Uhr der großen Kirche gehabt, die die Zeit in der Hauptstadt des Reiches vorgab, und war einer der angesehensten Edelleute gewesen. Damals hatte man sogar Lieder über ihn gesungen. Heute waren sie alle verstummt. Ob es der Verlust der Werkstatt, die Spielsucht oder sein Hang zum Branntwein waren, die ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hatten, wusste Wingmark nicht, doch inzwischen hatte der Alte seinen Verstand komplett verlo ren und wusste nicht einmal mehr, wie spät es war. Nur seine wirren Träume hielten ihn noch am Spieltisch fest, wobei seine Hand so oft zum Becher griff, dass sie bald nichts anderes mehr vermochte.
    Nur sie beide waren noch im Spiel. Ein Uhrmacher, der in der Ferne bereits Charon an den Ufern des wilden Flusses winken sah, und ein junger Troubadour, der vielleicht seine Muse gefunden hatte.
    »Gestern habe ich ein Lied komponiert, das mich eines Ta ges reich und berühmt machen wird«, sagte er laut zu den Anwesenden

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