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Die Magistra

Die Magistra

Titel: Die Magistra
Autoren: Guido Dieckmann
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Prolog
    St. Johannisnacht, Anno Domini 1535
    Unter peitschenden Regenböen drängten sich die Menschen in den Gassen jenseits des Stadttores aneinander, als die feindlichen Landsknechte in drei Kolonnen auf den Domplatz zuhielten.
    »Gott sei uns gnädig«, erklangen angsterfüllte Rufe. »Errette uns vor dem Widersacher!« Ein paar Frauen ließen sich mit gefalteten Händen vor ihren Häusern in den Schlamm sinken. Sie dachten an ein Opfer, ein letztes Opfer, das die Stadt darbringen mußte, um sie vor der Gewalt des Feindes zu schützen.
    Vier oder fünf junge Burschen schoben sich an den Betenden vorbei. Sie waren mit Schwertern, Knüppeln und Hellebarden bewaffnet und stolperten hastig die rutschigen Stufen zu den Wehrtürmen hinauf. Im nächsten Moment heulten von allen Wällen der Stadt Hörner auf. Ihr Ton hörte sich schrill und furchteinflößend an, als riefe man die letzten Verteidiger zum Jüngsten Gericht. Im selben Moment hoben die ersten Kirchenglocken zum Sturmgeläut an.
    Doch es war zu spät.
    Die Soldaten des Fürstbischofs waren durch eine schlecht bewachte Pforte in die Stadt eingedrungen. Ihre Wut auf die Verteidiger war gewaltig. Zu lange waren die Männer vergeblich gegen die starken Wälle angerannt, die man für uneinnehmbar gehalten hatte.
    Ein paar Soldaten der städtischen Freiwache bogen im Laufschritt in die Gasse ein. Ihnen folgte ein geschlossener Kastenwagen, dessen eisenbeschlagene Räder geräuschvoll über das Kopfsteinpflaster ratterten. Der Wagenlenker brüllte den Wachsoldaten Befehle zu, die eher verängstigt als entschlossen klangen. Offensichtlich war den Männern nicht einmal Zeit geblieben, ihre Rüstungen anzulegen, denn sie trugen lediglich lederne Arm- und Beinschienen, aber keine Helme, nicht einmal Schilde zur Verteidigung. Statt dessen schleppten sie Kisten auf den Schultern oder zogen Handkarren hinter sich her.
    Leise murmelnd wich die Menge vor den Wachen zurück. Ihre Hoffnung, daß die Männer dem Spuk ein Ende machen und die Angreifer noch einmal zurückschlagen würden, zerrann jedoch wie das Wasser, welches unter ihren Füßen im Morast versiegte.
    »Schließt euch uns an!« rief ein junger Wachsoldat, der sich ein in schmutzige Hirschfelle geschlagenes Bündel unter den Arm geklemmt hatte. Er blieb stehen. Seine rauhe Stimme überschlug sich vor Aufregung. »Die Bischöflichen töten jeden, der ihnen in die Hände fällt. Sie haben die Brücken gekappt und fast alle Tore verriegelt.«
    »Wo ist unser Meister?« rief eine Frau voller Verzweiflung. »Warum zeigt er sich nicht auf den Zinnen, um uns Trost zu spenden? Wo sind seine Prediger? Ist es etwa das, was sie uns versprochen haben? Folter, Plünderung und Tod?«
    Der junge Soldat schnitt der Frau mit einer wütenden Handbewegung das Wort ab. »Runter von der Gasse! Die Landsknechte können jede Sekunde euer Viertel stürmen! Wenn ihr nicht fliehen wollt, so verrammelt wenigstens Türen und Fenster!«
    »Weißt du einen Fluchtweg aus der Stadt?« Aus dem Zwielicht löste sich die Silhouette eines Mannes, der mit gestrafften Schultern auf den Wachsoldaten zutrat und beinahe gebieterisch die Hand nach ihm ausstreckte. Keiner hatte den Mann kommen sehen, er war buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht, aber die Menschen wichen ehrfurchtsvoll vor ihm zurück. Eine junge Frau nahm ihr Kleinkind auf den Arm und verbarg dessen Köpfchen in ihrem steifen Schleier, als fürchte sie sich vor der Berührung des Mannes. Tatsächlich sah der Unbekannte wenig vertrauenerweckend aus. Sein Kopf steckte unter einem schweren Pilgerhut, dessen mit Muscheln besetzte Krempe durch die Wucht des Sturmwindes tief in die Stirn gerutscht war. Der kräftige Körper wurde von einem schmucklosen grauen Kapuzenmantel fast vollständig eingehüllt. An den Füßen trug er feste Stiefel aus Rindsleder.
    Verwirrt drehte der Wachsoldat sich nach seinen Kameraden um, die den Sturmwagen eskortiert hatten, doch die Männer waren bereits weitergeeilt.
    Aus den Vierteln, die das größte Tor umgaben, drangen plötzlich Schreie durch den prasselnden Regen. Schreie, die so nahe klangen, als würden sie an der nächsten Straßenecke ausgestoßen.
    »Hast du etwa die Sprache verloren, Kerl?« Die Stimme des Mannes nahm einen scharfen, beinahe bedrohlichen Unterton an. Er schien daran gewöhnt zu sein, Befehle auszusprechen. Voller Ungeduld packte er den jungen Burschen am Ärmelausschnitt seines Wamses und schüttelte ihn grob.
    Der Junge stieß

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