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Die Magie des Falken

Die Magie des Falken

Titel: Die Magie des Falken
Autoren: Ruben Philipp Wickenhaeuser
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Vorwort
    Als Laggar von Kyrrispörrs Faust aufstieg, ließ sein Schrei das Getier der Umgebung vor Schreck erstarren. Mit raschen Flügelschlägen jagte er über die steinigen Hügel. Prüfend ließ er ein, zwei Mal die Fänge zuschnappen, dann legte er sie eng unter den Stoß, beschleunigte und gewann an Höhe. Beinahe streifte sein Gefieder die Holzschindeln eines Langhauses. Aus dem Rauchloch im Dach stieg der Dampf der Herdfeuer. Dort drüben blinkte Stahl, wo zwei Männer sich im Schwertkampf übten. Wie ein gestrandeter Wal lag ein Langboot am Ufer. Ein paar Männer und Kinder machten sich an seinem Rumpf zu schaffen. Dahinter legte ein Ruderboot mit Eimern voller Heilbutt am Steg an. Die Möwenwolke interessierte den Jäger offenbar nicht, ebenso wenig wie die Krähen und Tauben, die alarmiert aufflatterten. Nur die Hühner scharrten unbeeindruckt im Schnee weiter: Laggar war ein Falke und zu klein, um sie zu schlagen. Willkommen geheißen wurde er dagegen von Kindern, die von ihrer Schneeballschlacht erschöpft waren. Auch einige strohblonde Frauen, die beisammenstanden und lachten, verfolgten seinen Flug. Das Blinken ihrer silbernen Kuppelfibeln erregte kurz seine Aufmerksamkeit, dann drehte er wieder den Kopf in Flugrichtung und wiederholte zum Entzücken der Damen seinen hellen Schrei.
    Der Falke segelte über die bis zum Dach in der Erde versenkten Grubenhäuser hinweg, versteifte die Flügel und zog einen eleganten Bogen um das Gehöft, um nun steil in die Höhe zu stoßen.
    Dort, wo sonst nur die Wolken entlangzogen, war es einsam. Nur das Gleißen der Sonne und das Rauschen des Windes begleiteten den Gast des Himmels. Die Welt musste überschaubar sein von hoch oben. Da war der Flickenteppich aus Schnee, Frühlingswäldern, Felsen und dem Tiefblau der sich weit ins Festland verästelnden Meeresarme. Dies war Norwegen, mit all seinen Fjorden und Bergen. Hier und da schmiegte sich ein Gehöft in ein Tal. Gelegentlich zog ein Langboot durch das Wasser, blähte das rechteckige Segel und ließ sich vom Wind vorantreiben, ganz ähnlich wie der Jäger der Lüfte. Doch Laggar interessierte sich bestimmt nicht für Boote. Wenn er sich einer Böe hingab, trug sie ihn auf die gewünschte Höhe und verschaffte ihm wohl auch ein Kribbeln im Bauch, wenn Falken ein Kribbeln im Bauch verspürten. Trotzdem zog es ihn aus der Freiheit der Lüfte immer wieder zurück zu seinem Meister, aber: Nicht ohne Beute.
     
    Tief unter ihm stand Kyrrispörr und beobachtete ihn. Er war ein Jüngling, doch trug er seinen Umhang mit dem Stolz eines Seimanns. Sein Vater hatte ihm die Kunst des Wahrsagens und der Magie beigebracht. Kyrrispörr sog tief die Luft ein und versuchte, sich in seinen Falken hineinzuversetzen. Der Greifvogel steuerte hart gegen den Wind und stemmte die Schwingen in Position. Er hatte ein Opfer erspäht. Kyrrispörr stellte sich vor, wie er seine Beute anvisierte und Entfernung und Geschwindigkeit schätzte. Es war ihm, als presste er selbst die Flügel an den Körper und stürzte dem Boden entgegen, so, als wolle er sich mit dem Schnabel voraus in das Kaninchen hineinrammen, das nichts ahnend am Schilfgürtel entlangspazierte. Um dann kurz vor dem Aufprall die Flügel zu spreizen und den Schwanz zu fächern. Bei der Vorstellung, wie seine Klauen sich vorstreckten und öffneten, öffnete Kyrrispörr unwillkürlich die eigenen Hände. Laggar würde das viel schwerere Tier nicht etwa packen, sondern in einem eleganten Bogen über sein Opfer hinwegschießen und im Blau des Himmels verschwinden. Schon oft hatte Kyrrispörr ihn dabei beobachtet, wie der Vogel scheinbar sein Ziel verfehlt hatte. Ein Zucken durchfuhr ihn, als er sich ausmalte, wie das Opfer gleich darauf zu humpeln begann und hinstürzte: Laggar kämmte seine Beute stets im Überfliegen mit den Klauen. Kyrrispörr seufzte und blinzelte, während er aus seiner Vorstellung wieder in seinen Körper zurückkehrte.
    Kaum verschwunden, tauchte der Jäger im Tiefflug wieder auf und ließ sich flügelschlagend auf der Beute nieder. Kyrrispörr eilte in seine Richtung. Er wusste, dass Laggar an seiner Beute pickte, mehr aber auch nicht. Der Falke wartete auf ihn, ganz wie ein höflicher Gastgeber mit dem Essen auf die Gäste wartete.
    »Gut gemacht!« Kyrrispörr ging vor ihm in die Hocke und kraulte ihn mit dem Zeigefinger unter der Kehle. Laggar hob den Kopf und schloss genießerisch die Augen. Als Belohnung zog Kyrrispörr ein rohes Stück Fleisch hervor,

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