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Die Macht der Steine

Die Macht der Steine

Titel: Die Macht der Steine
Autoren: Greg Bear
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Prolog
     
     
    Die letzten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Erde waren kataklysmisch. Die fundamentalistischen islamischen Staaten überzogen die gemäßigten mit verheerenden Kriegen und verwüsteten dabei weite Teile Afrikas und des Nahen Ostens. In nicht einmal fünf Jahren hatte der während der zweiten Hälfte des Jahrhunderts stetig anhaltende Siegeszug des Islam sich in einen Amoklauf des Terrors und der Apostasie verwandelt, eine der schlimmsten religiösen Aufwallungen in der Menschheitsgeschichte.
    Christliche Splitterkulte übten sich weltweit in jeder nur denkbaren Form des zivilen Ungehorsams, um das Eintreten des lange überfälligen Tausendjährigen Reiches zu beschleunigen, aber es erschien kein zweiter Messias. Ihre Renitenz färbte auf alle Christen ab.
    Was die Juden betrifft – die Welt hatte noch nie einen Grund benötigt, um die Juden zu hassen.
    Die in der Diaspora verstreuten Kinder Abrahams lebten ihre Sturm- und Drang-Dekade aus, und sie bezahlten dafür. Notdürftig geeint durch eine Welt, die sich anderen Religionen zu- und von ihnen abwandte, ratifizierten Juden, Christen und Moslems im Jahre 2020 den Gottespakt. Verzweifelt beschworen sie vergangene Zeiten, um eine gemeinsame Basis zu finden. Nachdem sie das Heilige Land aller drei Weltreligionen verwüstet hatten, gab es keinen Ort mehr auf der Erde, an dem sie sich vereinigen konnten.
    In den letzten Jahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts richteten sie den Blick auf das Weltall. Die Himmelswanderung begann im Jahre 2113. Nach weiteren Dekaden der Verfolgung und Erniedrigung bündelten sie ihre finanziellen Ressourcen und erwarben eine eigene Welt. Diese Welt wurde auf den Namen Gott-der- Schlachtenlenker getauft und durch den Reichtum der Erben Christi, Roms, Abrahams und der OPEC kultiviert.
    Sie engagierten den größten Architekten der Menschheit, um ihre neuen Städte zu bauen. Er versuchte, alle ihre Forderungen miteinander zu vereinbaren und ihren Bedürfnissen optimal gerecht zu werden.
    Er scheiterte.

 
     
     
Erstes Buch
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3451 n. Chr.
     
     
MANDALA

DIE STADT, DIE SICH AUF Mesa Canaan befunden hatte, wanderte nun über die Ebene. Jeshua spähte mit einem Fernglas aus der Deckung des Dschungels. Die Stadt hatte sich kurz vor dem Einsetzen der Dämmerung desintegriert und marschierte nun auf elefantenartigen Beinen, mit Ketten- und Radfahrzeugen, in Gestalt von lebenden senkrechten Schotten und demontierten Strebepfeilern, die aufgrund einer Umprogrammierung nun krochen, statt ihre Stützfunktion zu erfüllen; Böden und Decken, Transportfahrzeuge und kleinere Stadt-Teile, Fabriken und Ressourcenzentren verschmolzen jetzt zur Unkenntlichkeit, wie ein Schleimwesen, das sich anschickte, sich in seinem neuen Revier einzurichten.
    Die Stadt führte ihren Bauplan tief im lebenden Plasma des fragmentierten Körpers mit. Jedes Teil kannte seinen Platz, und in diesem Schema gab es weder Raum für Jeshua noch für irgendeinen anderen Menschen.
    Die lebenden Städte hatten sie schon vor tausend Jahren vertrieben.
    Er lag rücklings auf einem Baum, das Fernglas in der einen Hand und eine Orange in der anderen, und lutschte nachdenklich an einem Stück bitterer Rinde. Egal, wie weit er in der Vergangenheit zurückging, der erste Vorgang, an den er sich erinnerte, war der Anblick einer Stadt, die sich in eine Flutwelle aus Fragmenten zerlegte und auf Wanderschaft ging. Er war damals drei Jahre alt gewesen, zwei gemessen an den Jahreszeiten auf Gott-der- Schlachtenlenker, als er auf seines Vaters Schultern gesessen hatte, während sie unterwegs zu dem Dorf Bethel-Japhet waren, um sich dort niederzulassen. Jeshua – diese Namensgebung war schlicht ironisch, denn er würde immer keusch bleiben – erinnerte sich an nichts, was vor der Ankunft in Bethel-Japhet von Bedeutung gewesen wäre. Vielleicht waren seine Erinnerungen aber auch durch den Schock des Sturzes in das Lagerfeuer gelöscht worden, der sich einen Monat vor Erreichen des Dorfes ereignet hatte. Sein Körper wies noch die Brandmale auf – ein Kreis aus Narben auf der Brust, geschwärzt von winzigen Aschepartikeln.
    Jeshua war ein Riese, er maß sieben Fuß vom Scheitel bis zur Sohle. Seine Arme hatten den Umfang eines normalen Männerbeines. Wenn er einatmete, blähte sich seine Brust auf wie ein Blasebalg. Er war der Dorfschmied, bearbeitete Eisen und goß Bronze und Silber. Aber seine starken Hände hatten auch die Geschicklichkeit erworben,

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