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Die Lust des Bösen

Die Lust des Bösen

Titel: Die Lust des Bösen
Autoren: Cassandra Negra
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»Ich bin vollkommen überzeugt,
    dass es nicht das Objekt der Lust,
    sondern die Idee des Bösen ist,
    die uns bewegt.«

    Alphonse François Marquis de Sade

    U m sie beide herum herrschte völlige Stille. Nur ein paar Äste knackten wie Reisig unter ihren Schritten. Dennoch war die Atmosphäre an diesem Morgen im Sommer 1943 spürbar aufgeladen. Es schien, als ob die Krähen, die kurz zuvor aufgeflogen waren, etwas signalisieren wollten – etwas Dunkles, Mysteriöses, vielleicht einen Übergang ins Jenseits. Die Stimmung erinnerte an ein Bild von Caspar David Friedrich, dem großen Meister der Romantik.
    Plötzlich hörten sie ein Geräusch und sahen, wie sich der große, schwarze Schatten eines Adlers auf seinem Flug gen Himmel aus den dichten Nebelschwaden erhob. Eine Zeit lang blieben sie stehen und schauten dem majestätischen Vogel nach.
    Wenger fühlte sich ein wenig wie der Wanderer aus Friedrichs Gemälde, der dem Betrachter seinen Rücken zuwendet und offenbar an einem Punkt angelangt ist, an dem es kein Weiterkommen gibt. Er blickte Hilfe suchend um sich, aber alles war von dichtem Nebel verschleiert. Der letzte Fluchtpunkt und mit ihm die letzte Hoffnung schienen verloren. Ein wundervolles Schauspiel der Natur trug sich da vor seinen Augen zu und war ein Symbol seines eigenen Lebensweges – rätselhaft und unvorhersehbar zugleich.
    Und dann sah er Blut. Überall war dieser rote Lebenssaft, hingesprengt auf Felder, an Wände gespritzt und aus menschlichen Gliedmaßen herausfließend. Wenger hörte Donnergrollen und Schreie – zuerst waren sie weit weg, schienen aber immer näher zu kommen.
    Die da schrien, waren Männer, junge Frauen, Kinder ohne Gesichter – und sie waren so entsetzlich anzusehen, dass ihm die Angst durch sämtliche Adern kroch. Doch gleich darauf war alles wieder still, als wäre nie etwas gewesen.
    Wenger fand sich auf einem schmalen Waldweg wieder, auf dem er – wie ihm schien – schon eine Weile gewandert war.
    Ja, eine kleine Ewigkeit war er an der Seite eines kleinen Mannes in Parteiuniform, an dessen Feldherrenmantel ein Eisernes Kreuz hing, schweigend durch den Rastenburger Wald spaziert.
    Auf den ersten Blick war sein Begleiter ein Mensch wie jeder andere auch. Wenger war enttäuscht: die nichtssagende, gewöhnliche Gestalt eines Mannes in den mittleren Lebensjahren!
    Er hatte mehr erwartet. Eine andere Art Mensch, keinen gewöhnlichen Sterblichen, sondern einen, der etwas Außergewöhnliches an sich hatte, etwas, das ihn über das Normalmaß und über das Alltägliche hinaushob. Dann aber betrachtete er ihn genauer, und er sah seine blauen Augen, die übernatürlich wirkten – so klar und rein, mit einer unergründlichen Tiefe wie der eines Menschen, der in weite Fernen schauen kann. Sein Gesicht war schmal und lang gezogen, der Mund schmallippig, und die Nase hatte einen markanten Grat. Dieses Antlitz drückte Ernst, Entschlossenheit, aber auch ungeheuerliche Härte aus. Es war, als ob sich darin alles spiegelte, was dieser Mann in den vergangenen Jahren zu tun geschworen hatte und von dem niemand gewusst hatte, ob es als leere Drohung oder als bare Münze zu verstehen war.
    Das Signifikanteste in diesem Gesicht aber war die einprägsame, maskenhaft erstarrte Physiognomie mit dem gestutzten Schnauzbart und den diagonal verlaufenden, akkurat gekämmten Stirnhaaren, die wie die geometrische Verbindung eines Dreiecks und eines Vierecks zu einer prägnanten Form wirkten. Das Haar fiel über die linke Stirnhälfte hinein zum Auge hin, was die gesamte Gesichtsseite verschattete und verkürzte. Die hellere Gesichtshälfte schien ein davon unabhängiges Eigenleben zu führen. Das rechte Auge trat mit einem gewissen Glanz hervor, was ihm eine geheimnisvolle Kraft verlieh.
    Wenger war regelrecht hypnotisiert von diesem eigenwilligen Blick. Das Gesicht war mysteriös und geheimnisvoll. Aber es wirkte zugleich wie ein Piktogramm, das auf eine Gefahr hinwies – wie eines jener Schilder, die dort zur Warnung des Fahrenden am Rande der Straße stehen, wo eine gefährliche Kurve entlang eines Abgrundes verläuft. Ja, genau so war dieses Gesicht: eine Warnung vor der Gefahr und dem Abgrund, der sich direkt dahinter auftat.
    Der Mann deutete jetzt mit in Augenhöhe ausgestrecktem Zeigefinger über die Baumwipfel, als er sein Wort an Wenger richtete.
    Und wie eindrucksvoll er zu ihm sprach! Er, der mit der Unantastbarkeit des Auserwählten seiner Bestimmung folgte, ein Messias, der es

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