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Die Listensammlerin

Die Listensammlerin

Titel: Die Listensammlerin
Autoren: Lena Gorelik
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    Prolog
    Man gewöhnt sich an alles, auch an die Angst. Großmutter hatte das einmal gesagt, als faktischen Nebensatz fallenlassen, nicht mit der Schulter gezuckt, keine Pause gemacht, einmal, als sie vom Krieg sprach. Großmutter sprach selten vom Krieg.
    Onkel Grischa sprach gerne vom Krieg, er sprach überhaupt gerne. Er war es, der Großmutters Geschichten zu erzählen pflegte. Seinen Versionen hörte man mit Freude zu, sie uferten aus, eskalierten unerwartet, hatten Schnörkel, hüpften in die Zukunft, bauten Spannung auf, ließen einen zittern, ein bisschen weinen, häufig auflachen. Er erzählte leidenschaftlich, und die Menschen hörten ihm begeistert zu. Die Hauptfiguren seiner Geschichten kannte man danach so gut wie die eigenen Freunde, sie wuchsen ans Herz oder wurden einem verhasst. Zimmereinrichtungen konnte Onkel Grischa so schildern, dass man sie vor Augen sah. Seine Landschaftsbeschreibungen langweilten – anders als die Goethes – nie. Pointen gab es stets mehrere, die beste immer am Schluss. Das galt für alles, was Onkel Grischa erzählte, für die Kriegsgeschichten der Großmutter nicht mehr oder weniger als für andere.
    Problematisch daran war nur: Tatsächlich konnte sich Onkel Grischa an den Krieg gar nicht erinnern. Er wurde 1945 geboren, als der Krieg schon vorbei war, zwei Tage nach der Potsdamer Konferenz. Als er einmal gefragt wurde, woher er so viele Kriegsgeschichten kannte, zuckte er nur geheimnisvoll mit den Schultern. Darauf zu antworten, sich für seine Quellen zu rechtfertigen, wäre unter seiner Erzählerwürde gewesen.
    Alle wollten immer noch mehr von Onkel Grischas Geschichten hören. Wie Kinder abends beim Vorlesen, wenn sie nicht schlafen mögen, baten sie: «Bitte, bitte, noch eine!» Großmutter hingegen blieb still, sie sagte nie etwas dazu. Weder bat sie um eine, noch verbesserte sie die Erzählung, noch stellte sie Fragen, noch fragte sie nach einer Fortsetzung. Sie lächelte, halb besonnen, wie man Kinder belächelt, die einem etwas von befreundeten Feen berichten, halb missbilligend, und schwieg. Auch bei den Kriegsgeschichten sagte sie nichts, dabei waren es ja angeblich die ihren, und meistens spielte sie eine Hauptrolle darin.
    Drei Kinder hatte Großmutter gehabt, aber Onkel Grischa war ihr Liebling und zugleich ihr Sorgenkind gewesen, und die anderen beiden, der Sohn wie die Tochter, machten ihr zeitlebens Vorwürfe, sie liebe sie nicht so sehr, wie sie Onkel Grischa liebte. Natürlich liebte sie sie. Liebte sie auch. Onkel Grischa war weder der Erstgeborene noch das Nesthäkchen, er war das in der Regel leicht übergangene mittlere Kind. Auf die Welt gekommen war er vier Jahre nach seinem Bruder, der den Krieg tatsächlich erlebt hatte, aber ehrlicherweise keine Geschichten darüber erzählte, weil er ja viel zu jung gewesen war, und der auch sonst nicht viel und nicht gerne redete. Die Schwester folgte Onkel Grischa zwei Jahre später, sie hatte zu ihm, dem größeren Bruder und phantasievollen Spielkameraden, immer aufgesehen, aber auch schon seit frühester Kindheit Eifersucht gehegt. Während der älteste Bruder wahrscheinlich unwillig die Rolle des Verantwortungsvollen übernahm, seine Schwester hingegen teils freiwillig und teils abgedrängt in Onkel Grischas Schatten stand, tat Onkel Grischa stets nur, was er wollte, meistens Blödsinn. Als er einige Wochen alt war, rollte er im Schlaf von dem Tisch, wo er gewickelt werden sollte, fiel mit einem Rums auf den Betonboden und schlief einfach weiter. Weil das Kind nicht einmal aufschrie, tat es Großmutter und durchlebte nach diesem unmenschlich spitzen Schrei, den auch die Nachbarn hörten, die schlimmsten Sekunden ihres Lebens, fest überzeugt, der Junge sei tot. Aber er atmete weiter, was Großmutter erst merkte, als sie ihre zitternde Hand unter seine Nase hielt und die leichten Atemzüge spürte. Er atmete, schlummerte und schmatzte nur einmal im Schlaf. Großmutter überfiel ein hysterisches Lachen, das die angerannte Nachbarin noch mehr erschreckte als der Schrei. Das war es, was Onkel Grischas Geschwister so wurmte: dass Großmutter ihm verfallen schien. Die anderen beiden liebte sie, von Herzen liebte ihre Mutter sie, aber Onkel Grischa war sie verfallen.
    Nähme man Michel aus Lönneberga, Emil Tischbein und seine Detektive und Max und Moritz zusammen, hätte Onkel Grischa sie problemlos übertrumpft. Vier gebrochene Knochen, eine gebrochene Nase, mindestens

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