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Die linke Hand Gottes

Die linke Hand Gottes

Titel: Die linke Hand Gottes
Autoren: Paul Hoffman
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ERSTES KAPITEL
    H ört her. Shotover, die Ordensburg des Erlöserordens in Shotover Scarp ist nichts weiter als eine Lüge, denn Erlösung gibt es dort nicht. In der umliegenden Gegend wächst nur Gestrüpp und Unkraut und die Sommer und Winter unterscheiden sich kaum – mit anderen Worten, dort ist es immer scheußlich kalt, ganz gleich zu welcher Jahreszeit. Die Burg sieht man schon aus vielen Meilen Entfernung, wenn nicht gerade schmutziger Dunst die Sicht trübt, was selten vorkommt. Der Bau ist aus Feuerstein, Beton und Reismehl errichtet. Das Reismehl macht den Beton härter als Fels, und das ist ein Grund, weshalb das Gefängnis – denn nichts anderes ist es – viele Belagerungen überstanden hat. Aus heutiger Sicht erscheinen diese Versuche vermessen, und tatsächlich hat schon seit Jahrhunderten keiner mehr Shotover erstürmen wollen.
    Es ist ein übel riechender, unwirtlicher Ort, an den niemand freiwillig geht, ausgenommen die Kriegermönche des Erlöserordens. Wer sind dann die Gefangenen? Das ist das falsche Wort für diejenigen, die nach Shotover gebracht werden, denn Gefangener sein heißt ein Verbrechen begangen haben, aber jene haben weder gegen menschliche noch göttliche Vorschriften verstoßen. Auch sehen sie nicht wie Gefangene aus, es sind durchweg kleine Jungen unter zehn Jahren. Je nachdem, in welchem Alter sie eintreten, verlassen die Hälfte von ihnen die Ordensburg erst nach fünfzehn Jahren. Die andere Hälfte ist dann schon, eingewickelt in blaues Sackleinen, mit den Füßen zuerst nach draußen getragen und auf Ginky’s Field, einem Friedhof gleich hinter den Burgmauern, begraben worden. Das Gräberfeld dehnt sich so weit das Auge reicht und vermittelt einen Eindruck von den ungeheuren Ausmaßen Shotovers und wie schwierig dort das Überleben ist. Keiner der Insassen überblickt das Ganze, nur zu leicht verirrt man sich in den endlosen Gängen, die auf mehreren Stockwerken ein Labyrinth bilden. Vor allem aber sieht alles gleich aus, überall ist es düster, braun und riecht modrig.
    In einem dieser Gänge steht ein Junge. Er hält einen dunkelblauen Sack in der Hand und schaut aus dem Fenster. Er könnte vierzehn, fünfzehn Jahre alt sein, genau weiß er es selbst nicht. Seinen wahren Namen hat er vergessen, denn alle Neuen erhalten beim Eintritt den Namen eines Märtyrers des Erlöserordens. Davon gibt es viele, weil seit unvordenklichen Zeiten alle, die sich nicht von den Erlösern haben bekehren lassen, einen tödlichen Hass auf sie entwickelten. Der Junge am Fenster heißt Thomas Cale, obwohl ihn niemand beim Vornamen nennt, denn das wäre eine schwere Sünde.
    Der Junge war vom Geräusch des nordwestlichen Tores aufmerksam geworden, das sich nur höchst selten und unter lautem Ächzen öffnete. Nun beobachtete er vom Fenster aus, wie zwei Erlösermönche in schwarzen Kutten hinaustraten und einen vielleicht achtjährigen Jungen, gefolgt von zwei weiteren, noch jüngeren, ins Burginnere wiesen. Cale zählte insgesamt zwanzig neue Zöglinge. Den Schluss bildeten zwei Mönche ebenfalls in Schwarz.
    Währenddessen schaute Cale durch das offene Tor hinaus auf das Ödland. In den zehn Jahren, die er schon hier war – und es hieß, er sei das jüngste Kind gewesen, das jemals aufgenommen worden war -, hatte er nur sechsmal die Burg verlassen. Jedes Mal war er bewacht worden, als ob das Leben seiner Wächter daran gehangen hätte – und so war es tatsächlich. Hätte er eine dieser Prüfungen nicht bestanden, wäre ihm der sofortige Tod sicher gewesen. An sein früheres Leben hatte er keine Erinnerung mehr.
    Das Tor wurde wieder geschlossen. Cale lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Jungen. Keiner von ihnen war dick, aber alle hatten noch runde Kindergesichter. Staunend betrachteten sie den Bergfried mit seinen mächtigen Mauern, und obgleich sie von der fremden Umgebung beeindruckt waren, zeigten sie Furcht. In Cales Brust wallten Gefühle auf, die er nicht hätte benennen können, die ihn jedoch zutiefst verwirrten. Nur seine Fähigkeit, in jeder Lage mit einem Ohr auf alles zu hören, was um ihn herum geschah, rettete ihn, wie so oft in der Vergangenheit.
    Er riss sich vom Fenster los und lief den Gang entlang.
    »Du da! Warte!«
    Cale hielt an und wandte sich um. Ein Erlösermönch mit feistem Gesicht und schwer über den Kragenrand hängenden Hautfalten stand in einer Türöffnung. Aus dem Raum hinter ihm drangen Dampf und merkwürdige Geräusche. Cale sah ihn gleichmütig

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